Soviel du brauchst

Brille, Latschen, Matte: Gandhi soll kaum mehr als das an persönlichem Besitz hinterlassen haben. Trotzdem war er ganz und gar unbescheiden: In Sachen Freiheit und Würde der Menschen hat er keine Kompromisse gemacht.

 

„Mein Auto, mein Haus, mein Boot.“  Diese Werbung der Sparkassen ist zum Klassiker in der Branche geworden. Sehr simpel, und darum so erfolgreich. Für Konsumkritiker spiegelt sich hierin die kapitalistische Trinität. Fast so einprägsam wie Vater, Sohn und Heiliger Geist, sagen sie.

 

Dass Besitz nicht glücklich macht, ist  eine banale Einsicht. Aber sie ist wahr. Haben und Sein sind zwei verschiedene Lebensformen. Auf lange Sicht, so der Psychoanalytiker Erich Fromm, führen Konsumstreben und Gewinnsucht in eine innere Leere. Und immer öfter auch auf die Titelseiten und in die Talkshows (siehe Uli Hoeneß!). Andererseits ermöglicht Geld auch Freiheit. Ich liebe es doch, ein gutes Buch zu kaufen, auch wenn das aktuelle noch nicht ausgelesen ist. Der Urlaub in Amerika, wie ich mich darauf freue! Wer will schon mit Lebensmittelgutscheinen sein Leben fristen müssen? Ich nicht. Darum sollte es in unserem reichen Land auch niemand anderes müssen.

 

Wie viel braucht der Mensch? Diese Frage wird ab dem kommenden Mittwoch auf dem 34. Evangelischen Kirchentag in Hamburg diskutiert. 110.000 Dauerteilnehmer und 50.000 Tagesgäste werden zu Bibelarbeiten, Podiumsdiskussionen, kulturellen Veranstaltungen und auf dem „Markt der Möglichkeiten“ erwartet. Es geht um Handfestes bei den Protestanten. Zum Beispiel das drängende Problem: Wie organisieren wir unsere Wirtschaft, wenn eine endliche Welt kein unendliches Wachstum verträgt? Und um „Geld regiert die Welt“, aber wer regiert das Geld? Und es geht um den Glauben, natürlich. Die Kirchentage sind spürbar spiritueller geworden. Nach den politischen 80er und 90er Jahren wurde deutlich: Wer nur immer gibt und aktiv ist, reibt sich irgendwann auf. Deshalb fragen evangelische Christen wieder stärker nach den Quellen des Glaubens.

 

Wie viel braucht der Mensch? Die Losung des Kirchentages ist offen formuliert: „Soviel du brauchst“, heißt es in Anspielung auf eine Erfahrung der Israeliten. Auf dem Weg aus der ägyptischen Gefangenschaft in die Freiheit konnte jeder von dem göttlichen Himmelsbrot, dem Manna, so viel sammeln, wie er brauchte. Niemand musste hungern. Aber horten nützte auch nichts, denn das Brot verdarb nach einem Tag.

 

Brille, Matte, Latschen: Ich brauche mehr zum Leben. Ich bin kein Asket. Aber, wenn ich es recht bedenke, brauche ich erstaunlich wenig, wenn das Herz nur reichlich gefüllt ist.

 

 

Uwe Schmidt-Seffers, Pastor in Nienhagen