
November, das ist die Zeit, wo der Nebel in dicken Schwaden über den Flüssen liegt. Wo die Wiesen und Felder satt sind vom Regen. Wo kaum ein Sonnenstrahl durch die Wolkendecke dringt.
Dunkel gekleidet, die Kapuzen tief ins Gesicht gezogen, die Regenschirme aufgespannt. So hasten die Menschen durch die Straßen. Kaum ein Lächeln ist zu sehen. Kaum ein fröhliches Gesicht. Bloß schnell in die warme Stube. Das ist der einzige Gedanke.
Selbst die Bäume scheinen zu resignieren. Sie schmeißen die Blätter ab. Das Grünen und Blühen ist jetzt vorbei. Sie wollen auch mal kraftlos sein. Strecken ihr Gerippe gen Himmel.
Entblättert, entblößt und verletzlich.
Elender November. Alle Welt bläst Trübsal. Und dabei ist das nur der Anfang. So richtig dunkel wird's erst noch. Das kann ja heiter werden!
Das kann ja heiter werden? Wird's ja gerade nicht, mitten im November. Da sind einfach alle traurig. Und alle dürfen auch traurig sein. Denn der November ist wie gemacht dafür.
Er erinnert uns daran, wie lange wir selber manchmal durch den Nebel waten. Ohne Lichtblick, ohne Hoffnung auf irgendwas. Und wenn es regnet, tagelang, dann fließen auch die Tränen schneller. Die, die so lange im Verborgenen gewartet haben. Und manch einer würde vielleicht gerne selber die Arme zum Himmel recken, so wie die Bäume. Das schmückende Beiwerk fallen lassen. Und sich verletzlich zeigen.
Das macht den November so anstrengend: Dass er Raum gibt für Stimmungen, die wir gerne verdrängen. Dass er uns zwingt, uns damit zu beschäftigen. Dass er uns die Erfahrung zumutet, auf den ersten Sonnenstrahl warten zu müssen, der das Grau durchdringt.
Aber erst das macht uns lebendig. Erst das macht uns ganz. Erst das macht uns so, wie wir von Gott gedacht sind.
Von Edith Piaf, die so ziemlich alle Höhen und Tiefen des Lebens mitgemacht hat, stammt der Satz: "Das Leben ist wundervoll. Es gibt Augenblicke, da möchte man sterben. Aber dann geschieht etwas Neues und man glaubt, man sei im Himmel."
Ein richtig durchlebter und durchlittener November lohnt sich. Immer! Danach kann's wieder heiter werden.
Katharina Junge
(Pastorin an der Blumläger Kirche und Pressesprecherin im Kirchenkreis)