
Kurz vor Mitternacht. Die Augen wandern zwischen Uhr und Sektglas hin und her. Die Stimmung steigt. Gleich werden sie sich in den Armen liegen, gute Wünsche und Versprechungen austauschen.
Jan dauert das entschieden zu lange. Er stellt seinen Orangensaft aus der Hand und schleppt eine große Tüte mit Raketen und Knallern an, stellt sie seinem Vater direkt vor die Füße und meint, das mit der Knutscherei könne er doch verschieben. Tagelang schon hat er diesem Augenblick entgegengefiebert. War gar nicht so schwer, Papa zum Kauf der Raketen zu überreden. Der geriet schon ins Schwärmen, als er sich im Laden die Beschreibungen auf den Verpackungen durchgelesen hat. Das würde 'ne Superschau, hatte er Jan versprochen.
Endlich ist es so weit. Ausgelassen und fröhlich drängen alle Party-Gäste vor die Haustür. Die ersten Farbblitze zucken und zaubern wunderschöne Lichterblumen an den Sternenhimmel. Langsam regnen sie als bunte Tropfen auf die Erde zurück. Jan ist begeistert. Voller Spannung, von einem Bein aufs andere hüpfend, wartet er auf den nächsten Knall.
Im Nachbarhaus lebt Moritz, ein großer Labrador. Jan und er mögen sich. Kaum ein Tag vergeht, wo die beiden sich nicht wenigstens herzlich begrüßen. Jan wundert sich, dass der Nachbarshund nicht angesprungen kommt. Doch was für Jan und viele andere der Höhepunkt im Jahr ist, ist für Moritz so schrecklich, dass er sich unter das Sofa verkrochen hat. Kaum zu glauben, dass der kräftige Kerl überhaupt darunter passt. Da liegt er zusammengerollt, zittert am ganzen Leib und gibt leise, hohe Klagetöne von sich. Kein Streicheln und kein gutes Zureden kann ihn dazu bewegen, seine unbequeme Schutzhöhle zu verlassen. Auch als es schon fast 1 Uhr ist und nur hier und da eine verspätete Rakete aufheult, leidet der Hund noch still vor sich hin und lässt sich nicht beruhigen, so groß ist die Angst.
Vielen Hunden geht es so und nicht nur denen. Es gibt auch Menschen, die sich in diesen Tagen am liebsten in die letzte Ecke verkriechen würden. Ihnen ist nicht zum Feiern zumute. Was für die anderen Vergnügen pur ist, ist für sie die Hölle. Sie blicken zurück auf den Scherbenhaufen, den das vergangene Jahr ihnen beschert hat, und haben einfach nur noch Angst vor dem, was sie im kommenden Jahr erwartet. Gut, wenn sie nicht allein gelassen werden. Nähe und Wärme helfen, Angst zu überwinden. Niemanden in seiner Angst allein lassen - ein gutes Motto für die bevorstehenden Tage und für das neue Jahr!
Elke Drewes-Schulz, Schulpastorin in Hannover, Nienhagen-Papenhorst
Diese Andacht erschien am Sonntag, dem 27.12.2003 als "Wort zum Sonntag" in der Celleschen Zeitung.