„Ich muss abnehmen...“
Ein wunderbarer Duft zieht durch das Haus: Gebratener Lachs, frische Kartoffeln, Sauce Hollandaise – und Spargel! Am morgigen Sonntag wird das zum letzten Mal in diesem Jahr der Fall sein, denn am kommenden Dienstag, am Johannistag, ist die Saison des Edelgemüses zu Ende.
Aber wieso gerade am Johannistag? Der Tag hat seinen Namen von Johannes dem Täufer. Der lebte zur Zeit Jesu und rief in der Gegend am Jordan die Menschen dazu auf, nicht dauernd an Konsum und Genuss zu denken, sondern nach Gottes Willen zu fragen. Er selbst lebte von Heuschrecken und wildem Honig, ein glaubwürdiger Prediger!
Und als Jesus eines Tages zu ihm kam, um sich von ihm taufen zu lassen, sagte Johannes: „Nicht ich bin groß, wie Ihr immer meint. Der nach mir kommt,“ und er zeigte auf Jesus, „ist viel größer als ich.“ Und es folgt sein berühmter Ausspruch: „Ich muss abnehmen, er aber muss zunehmen.“ Wegen dieses Spruchs wurde der Geburtstag des Johannes auf den 24. Juni gelegt, denn von nun an nehmen die Tage auch ab, jeden Tag um einen Hahnenschrei.
Johannes ist einer, der sich selbst zurücknimmt und klein macht, damit ein anderer groß rauskommt. Und er ist Asket. Darum macht es auch Sinn, wenn von Dienstag an kein Spargel mehr gestochen wird, wenn die Zeit, in der wir dieses besondere Gemüse genossen haben, ab sofort vorbei ist. Johannes ist der genügsame Wegbereiter.
Mit Jesus hingegen sollte eine andere Zeit anbrechen. Er ist kein Mensch von Traurigkeit. Dem Leben zugewandt, genießt er es, bei Wein und gutem Essen mit Freunden zusammen zu sein. Und so findet Jesus Anklang beim Volk. Er lebt mit den Menschen, ist mit ihnen traurig und fröhlich. Von ihm lässt sich mancher eher was sagen als von dem strengen Asketen Johannes. Darum wurde Jesu Geburtstag – „... er aber muss zunehmen“ - auf den 24. Dezember gelegt. Denn von dem Datum an nehmen auch die Tage wieder zu – ebenfalls jeden Tag um einen Hahnenschrei.
Der Johannistag ist der Tag der Wende. Zeit zu schauen: Was hatte mal seine Gültigkeit, ist nun aber vorbei, und was kommt jetzt dran? Um dann Neues zu wagen und Altes hinter sich zu lassen – voller Vertrauen, dass Gott wieder verlässliche Lebensbegleiter schickt. Wie Johannes und - erst recht - wie Jesus.
Dr. Otmar Schulz, Theologe und Journalist, Papenhorst