Tun und Lassen
Der Himmel ist makellos blau. Zwischen den reich verzierten Häusern blinzelt die Sonne hindurch, sucht sich ihren Weg in den neuen Tag. Ihre Strahlen treiben die morgentliche Kühle vor sich her. Langsam erwacht das Leben in der Stadt. Die ersten Geschäfte beginnen zu öffnen. Ein Rolladen nach dem anderen wird heraufgezogen. Im Straßencafé nippe ich an meinem Espresso. Wie auf einem Laufsteg ziehen schon Frauen mit vollen Einkaufstaschen an mir vorbei. Ältere Herren in grauen Anzügen hasten in ihre Büros. Kinder mit großen Schultaschen schlendern zum Unterricht. Am Rand der Fußgängerzone beobachte ich das beginnende Treiben.
Bevor ich weitergehe, erst einmal sitzen und gucken. Erst einmal ankommen und da sein, bevor ich mich auf den Weg mache. Mit einem Espresso in der Hand geht das am besten.
Der steile Aufstieg zum Heidelberger Schloss steht mit bevor: eine herrliche Aussicht über das Neckartal und die Altstadt warten auf mich. Doch erst einmal ankommen. Alles zu seiner Zeit! Nicht gleich überhastet losstürzen. Mit offenen Ohren höre und mit wachen Augen schaue ich mich um.
Sicher schaffe ich nicht, jedes Museum und jede Kirche zu besichtigen, die der Meridan-Stadtführer als unbedingtes Muss empfiehlt. Dafür verweile ich einen Moment in der Stadt; tue nichts und lasse die Eindrücke auf mich wirken. Vor jedem Tag steht auch ein Lassen. Beides hat seine Zeit. Beides gehört zum Leben. Und es ist nicht immer leicht, zuerst das Tun zu lassen, um dann zu tun, was zu tun ist. Leider sehe ich zumeist nur die Folgen meines Tuns. Die Erfolge meines Lassens sind eher unscheinbar: so mancher lächelnder Blick oder kurzes Augenzwinkern bliebe mir versagt.
Olaf Ripke, Pastor in Groß-Hehlen
24.Mai 2003