Wer wünscht sich nicht, alt und lebenssatt zu sterben? Den Lauf zu beenden wie einer, der mit großem Aufatmen durchs Ziel kommt. Die Kräfte sollen verschwenderisch ausgegeben sein ans Leben wunderbar. Ich möchte einmal sagen können: Nun ist es gut! Ich habe einigen genützt, lastete nicht zu sehr und beherbergte die Liebe dann und wann.
Ein großer Deutscher hat sich auf seinen Grabstein den Satz meißeln lassen: „Man hat sich bemüht.“ Dieses Resümee gefällt mir. Es ist bescheiden und fasst doch stolz zusammen, was einer gewollt hat. Dass man anständig durchs Leben kommt, nicht mutwillig beschädigt, Unrecht nach Kräften mindert und Freude vermehrt. Offen bleibt, welche Antwort dann aussteht. Aber ein Auskuck nach vorne ist dabei, als wär´s ein Schlusswort vor dem Jüngsten Gericht. Das eigene Licht nicht unter den Scheffel stellen, aber sich doch der Gnade bedürftig wissen – eine gute Mischung Lebenskunst.
Die Bibel sagt, dass wir zum Arbeiten und Lieben in die Welt gesandt sind. Ja, wir bekommen hier schon Freuden, aber doch in kleiner Portion – als Vorspeise eben. Niemand stirbt abgefunden in seinen Wünschen. Alle warten auf ganze Erfüllung. Aber wir sollen wenigstens erprobt haben, was hier schon möglich ist. Wir sollen uns nach den Glückskörnern gebückt, uns am Riemen gerissen haben für bessere Zeiten (auch nach uns) und den Werkplatz Leben geordnet vererben.
Wenn wir dann genug gelacht, geliebt und gelitten haben, unser Quantum Verantwortung und Schuld absolviert, uns genügend verknüpft und auch getrennt haben, dann soll das Leben wie ein großer Anlauf ins Anderland gewesen sein. Sterben ist Heimfahrt, sagt der Glaube.
Manche sterben zu früh für die Zurückbleibenden. Sie fühlen sich betrogen um das Glück, das sie in die Zukunft malten. Ob zu früh für die Gegangenen, kommt auf das Jenseits, das wir im Herzen tragen. Wenn hier alles Ackern und Lieben nur Vorahnung, Übung und Vorwort ist, um auf den Geschmack von Gott und Glück zu kommen, dann gibt es wohl auch weise Seelen in noch jungen Jahren, die gefunden haben, wonach manche Alte noch suchen müssen.
Manche sterben spät, und sie wissen nicht mehr, warum und für wen sie da sind. Zeit rast. Zeit steht still. Manchmal denken wir, wir würden sie gerechter bemessen - den einen aufs Zeitkonto draufschlagen, den anderen abziehen. Aber Zeit ist keine Ware, die wir verteilen können wie Care-Pakete.
Wenn am Sonntag die Verstorbenen des vergangenen Kirchenjahres verlesen werden, sind wir noch da. Also dürfen, können, sollen wir noch leben. Es scheint, unser Maß sei noch nicht voll, unser Selbst, Innenwelt wie Außenkosmos, noch nicht geordnet, geweitet und ausgebildet, unser Erfahren noch nicht rund, unser Werk noch nicht getan. Wir sollen uns noch bemühen. Noch sollen wir wachsen und reif werden an Güte und Glauben, Verzeihen und Vernunft.
Totensonntag – Ewigkeitssonntag lockt uns nachzudenken: Was steht wohl noch an für dich und für mich? Wofür erbitte ich noch Zeit? Was will ich noch fertig kriegen oder bereinigen oder endlich beginnen? Noch ist ja Zeit für uns. Gott sei Dank.
Uwe Schmidt-Seffers, Nienhagen