Am Eichenwäldchen 35. Hier steht das Haus, das uns der Makler empfohlen hat. Als wir hereinkommen, duftet es nach frisch gebackenem Streuselkuchen. Das ist ein Geruch, der mir das Wasser im Munde zusammenlaufen lässt. Das Haus wird mir immer sympathischer. Wenn jetzt auch noch der Preis stimmt, dann könnte durchaus was aus unserem Kauf werden.
Das war vor rund sieben Jahren. Wir haben das Haus nicht gekauft. Aber wir erfuhren, dass wir beinahe einem alten Trick von Immobilienmaklern auf den Leim gegangen wären. Die raten ihren Klienten, doch kurz vor einer Besichtigung einen Kuchen zu backen, mindestens aber frischen Kaffee zu kochen. Der mögliche Käufer werde auf jeden Fall günstig gestimmt. In der Tat, das wird er!
Dabei haben wir Menschen nur einen recht eingeschränkten Geruchssinn. Das wird mir täglich neu bewusst, wenn ich mit unserem Jagdhund durch die Wälder rund um Papenhorst streife. Der sieht mit der Nase. Er wittert ein Reh, ein Wildschwein oder einen Fuchs, lange bevor er das Tier sieht. Er liest Spuren mit der Nase.
Die feinste Nase aller Zeiten hatte zweifellos Grenouille, das geniale Scheusal, dem Patrick Süßkind mit seinem Roman Das Parfum ein Denkmal gesetzt hat. Grenouille wittert die Raupe im Kohl, das hinter einem Balken versteckte Geld, er riecht die Menschen durch Wände hindurch und über eine Entfernung von mehreren Straßenzügen hinweg. Eine Begabung, die sich in diesem Fall allerdings nicht nur als Segen erweist. Geschärfte Sinne sind ansonsten ein großes Geschenk.
„Dass unsre Sinnen wir noch brauchen können und Händ und Füße, Zung und Lippen regen, das haben wir zu danken seinem Segen. Lobet den Herren“ – heißt eine Strophe im Evangelischen Gesangbuch (Nr. 447). Gedichtet hat sie Paul Gerhardt wenige Jahre nach dem Ende des furchtbaren Dreißigjährigen Krieges. Viele seiner Mitmenschen klagen über das, was sie verloren haben. Im Land wird viel und laut gejammert. Paul Gerhardt aber, der große evangelische Liederdichter, dem der Krieg mehr als übel mitgespielt hat, Paul Gerhardt singt ein fröhliches Lied. Und sein Morgenlied bezieht sich nicht nur im wörtlichen, sondern auch im übertragenen Sinne auf die Nacht, die zu Ende gegangen ist. Als wollte er sagen: „Leute seid doch froh, ihr könnt noch riechen, sehen, hören, ihr könnt noch laufen, Hand anlegen und Neues schaffen. Lasst das Klagen, tut was und dankt Gott für seinen Segen.“ „Dass unsre Sinnen wir noch brauchen können, das haben wir zu danken seinem Segen.“
Ich denke: Ein Segen ist es allemal, wenn wir Hefeteilchen, frisch gebackenes Brot und unsere Mitmenschen gut riechen können.
Otmar Schulz, Theologe und Journalist, Nienhagen-Papenhorst