„Was zuviel ist, ist zuviel!“ brauste mein Freund auf. Sie hatten ihn Tags zuvor in die Chefetage gebeten. „Sie wissen, dass ihr Kollege geht. Seine Stelle wird nicht wieder besetzt. Sie kennen ja unsere finanzielle Lage. Wir erwarten, dass Sie künftig seinen Bereich mit übernehmen!“ Auf seine Proteste wäre dann das Übliche gekommen: „Lassen Sie sich etwas einfallen! Umstrukturieren, konzentrieren, irgendwie. Sie werden schon einen Weg finden.“
Zuhause angekommen hätte ihn seine Frau gefragt, welche Laus ihm denn nun über die Leber gelaufen sei: „Du solltest einmal dein Gesicht sehen.“ Das sei ihm der Kragen geplatzt. Ich erspare mir seine Schimpfkanonade. Aber er endete deftig: „Weißt du, wie ich mir vorkomme? Wie im Sprichwort: Einem dummen Esel kannst du immer noch etwas aufpacken, aber einer faulen Sau nichts!“ – Er schwieg eine Weile. Dann wurde er ernsthaft. „Was soll ich denn noch alles schultern?“
So manchem wird es ähnlich gehen. Wenn die Anforderungen nicht hochgeschraubt werden, dann wachsen die Sorgen. Was wird mit meiner Arbeitsstelle? Werde ich Arbeit finden oder kommt unser Haus unter den Hammer? Wie soll ich das alles bezahlen? Und was der Sorgen mehr sind. Die lasten wie ein schwerer Rucksack. Wenn dann noch mehr oben draufgepackt wird, wie lange kann ich das noch schultern?
Da kommt das Bibelwort für die kommende Woche gerade recht: „Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch!“ (I Petrus 5,7). Aber sorgt Gott wirklich? Zahlt der Vater meine Rechnungen? Kämpft Jesus für meinen Arbeitsplatz? Übernimmt der heilige Geist meine Hypothek? Nein, so machen es sich Christen doch zu leicht. Statt die Lasten dieses Lebens zu schultern, sie einfach abwerfen? Wie naiv zu glauben, der himmlischer Vater würde sie schon tragen!
So kann das Wort aus dem Petrusbrief nicht gemeint sein. Wir sind in der Welt. Jeder trägt an seiner Stelle Verantwortung. Jede übernimmt ihre Lasten. Aber es gibt Grenzen. Wer sich zuviel aufpackt, der wird unterwegs unter der Last zusammenbrechen. Burnout, ausgebrannt, ohne Energie! Nun schafft einer nicht einmal mehr die kleinsten Aufgaben. Da sollte jeder, jede das Maß des Erträglichen finden, tragen, was einer, eine noch schultern kann.
Bleibt aber noch das, was niemand schultern kann! Die Schatten, die von der Sorge in mein Inneres fallen. Welche Zukunft werden meine Kinder haben? Schliddern wir in einen neuen Weltkrieg des Terrors hinein? Macht meine Gesundheit noch mit? Diese und andere berechtigte Sorgen machen es in mir finster. Damit wird niemand so ohne weiteres fertig, mit den bedrohlichen Schatten, den jagenden Gedanken, der Niedergeschlagenheit! Doch Christus hat sie geschultert, wie die Jünger bezeugen. Er bittet: „Gib mir deine Sorgen!“
Als mein Freund im Trübsinn versank und seinen Melancholischen bekam, meinte ich: „Und wenn du dich einfach in eine Kirche setzt und ihm einmal erzählst, was dich quält?“ Er sah mich ungläubig an. „Du könntest es wenigsten probieren!“ Als wir uns später trafen, waren seine Probleme geblieben. Aber in der Stille des Gotteshauses sei eine Ruhe über ihn gekommen: „Da ist mehr dran, als ich geglaubt hätte,“ murmelte er etwas verlegen.
Dr. Georg Gremels, Hermannsburg