In den 50 Tagen vor Ostern schöpft Kirche aus den Geschichten von Jesu Passion - seiner Leidenschaft für Menschlichkeit. Dunkel sind die Etappen seines Kreuzweges und unerträglich fast, wie wenig selbst seine engsten Freunde „Lobe den Herren“ waren.
Als das Volk dem Jesus Hosianna zurief, rangelten die Jünger um die fettesten Pfründe an seiner Seite. Doch Jesus wiederholte mit Engelsgeduld, worauf es ihm ankommt: „Wer groß unter euch sein will, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der erste sein will, der soll aller Knecht sein.“
Im Garten Gethsemane, als Jesus bat, der Kelch des Sterbens möge an ihm vorübergehen, schliefen die Jünger ein, statt ihn zu stützen.
Was war schließlich schlimmer? Das Todesurteil durch einen, der meinte, seine Hände in Unschuld waschen zu können oder der Verrat durch die Freunde? Für immer sind auch ihre Namen mit der Kirche verknüpft. Da ist zuerst Judas, die rätselhafteste Figur im Kreise der Jünger. Er gab Jesus den Judaskuß und lieferte ihn den Mächtigen ans Messer. Doch Judas Schuld bleibt auch dunkel. Was gab´s denn schon zu verraten? Jesus hielt sich doch nicht versteckt. Vielleicht wollte Judas den Jesus drängen, endlich seine Macht zu demonstrieren. Er war wohl an seiner Sanftheit irre geworden; er wollte ihn zwingen, das Reich Gottes mit Gewalt aufzurichten. Und als er merkte, dass Jesus seiner Friedfertigkeit treu blieb und der Scheinprozeß auf Tötung hinauslief, packten ihn die Zweifel an seiner Tat. Er ging hin, schmiß denen, die seinen Verrat bestellt hatten, den Judaslohn vor die Füße und erhängte sich.
Der andere Verräter war Petrus. Zuerst zog er sogar das Schwert, um Jesus zu verteidigen. „Und wenn ich mit dir sterben müßte, ich will dich nicht verleugnen.“ Das war sein O -Ton. Das hatte er versprochen. Doch als es hart auf hart kam und Jesus verhört und geschlagen wird, packt Petrus die Angst. Den Soldaten, die ihn wiedererkennen, schwört er: „Ich will verflucht sein, wenn ich diesen Jesus kenne.“
Doch heilendes Entsetzen ! Inmitten des Verrats krähte der Hahn, wie es Jesus ihm vorausgesagt hatte. Vielleicht blickte Petrus dem Verratenen sogar in die Augen; jedenfalls begann sich Petrus zu schämen. „Besser die Scham im Gesicht als die Wunde im Herzen“, sagt ein Sprichwort. Und das ist der erste Schritt zur Rettung!
Zwei Menschen in Schuld: Judas widerruft sich. Er hält es nicht für möglich, dass nach seiner gemeinen Tat Neuland auf ihn wartet. Petrus dagegen „ging hin und weinte bitterlich“ Seine Scham war Chance zur Verwandlung. Erst dadurch wird Petrus ein Fels. Für das Recht der Vergebung, das Gott uns einräumt, steht er nun gerade; er lässt es für sich gelten. Wie gut, wenn uns noch ein Hahn nachkräht und wir ihn hören; damit wir nicht Hand an uns legen, sondern uns an die Hand nehmen lassen zu einem anderen Leben.
Uwe Schmidt-Seffers, Pastor in Nienhagen