Nun laufen sie wieder, sie springen, boxen und schwimmen. Die Olympiade in Athen hat begonnen. In 28 Disziplinen können die Teilnehmenden siegen – oder verlieren. Nur 2 Prozent siegen, 98 Prozent werden verlieren. Für sie gilt als Trost: Dabei sein ist alles. Und da ist ja auch was dran!
Und dabei sind immerhin 10.500 Athleten und 21.500 Journalisten. Mit dabei sind auch buddhistische Mönche, jüdische Rabbis, muslimische Mullahs und christliche Geistliche.
Vielen Sportlern ist von vornherein klar, dass sie nicht gewinnen können. Die Zeiten oder Weiten, mit denen sie sich für Athen qualifizieren mussten, sagen schon einiges über ihre Leistungsfähigkeit, über die Chancen, ganz vorne mit dabei zu sein. Alle aber müssen trotzdem das Ziel haben: „Ich gebe mein Bestes! Vielleicht gewinne ich sogar!“ Sonst könnten sie ja gleich zu Hause bleiben. Vielleicht heißt das Ziel auch: „Hauptsache, ich komme aufs Treppchen!“. Einer der ersten drei Plätze, das wäre doch was! Ist doch gleich, ob Gold, Silber oder Bronze, Hauptsache Medaille! Andere sagen sich: „Mein Ziel ist, unter die ersten zehn zu kommen.“ Zu den zehn Besten in der Welt zu zählen, ist das nichts?
Das Wichtigste ist, überhaupt ein Ziel zu haben. Und das gilt wahrhaftig nicht nur für die Olympioniken! Es gilt für jede(n) von uns. Für manch einen Menschen mag es reizvoll sein, einfach so in den Tag hinein zu leben. Dauerurlaub: Was kommt, kommt. Für mich wäre das nichts. Ich brauche Ziele für heute, für das nächste halbe Jahr, für die kommende Zeit. Im Beruf und im privaten Leben. Und ich verhalte mich entsprechend.
Ob der Apostel Paulus das im Sinn hatte, als er den Christen in Korinth schrieb: „Wisst ihr nicht, dass die, die in der Kampfbahn laufen, die laufen alle, aber einer empfängt den Siegespreis? Lauft so, dass ihr ihn erlangt“ (1. Korinther 9,24)? Wer ein Ziel hat, stellt sich darauf ein. Dazu könnten uns Tim Lobinger, der Stabhochspringer, oder Franziska von Almsick, unser Schwimmass, sicher manches sagen, oder auch Andreas Klöden und Jan Ulrich, die Radfahrer, oder die Damen des Fußballteams – auf ihnen ruhen die Medaillenhoffnungen der Deutschen.
„Jeder aber, der kämpft, enthält sich aller Dinge“, schreibt Paulus an der erwähnten Stelle. Wer ein Ziel hat, muss dieses oder jenes lassen, muss womöglich sogar richtige Opfer bringen, um das Ziel zu erreichen, muss ganz sicher auch verzichten, so unmodern dieses Wort ist. Sportler wissen das, Menschen, die es im Beruf zu etwas bringen wollen, wissen das – ja, und Christen sollten das auch wissen. Das Ziel, ein gelingendes, zufriedenes Leben, ist es allemal wert.
Otmar Schulz, Pastor und Publizist, Papenhorst