"Sechs Tage sollst Du arbeiten"

Jeder Morgen ist er pünktlich wie immer losgefahren. In der Aktentasche die Brote, der Apfel und die Thermoskanne mit Tee. Nachmittags gegen halb fünf kam er nach Hause. „Na, wie war’s im Büro?“ – „Wie immer“, lautete meist seine einsilbige Antwort. Doch von Woche zu Woche wurde sein Gang schleppender, sein Blick müder. Schließlich kam durch einen Zufall heraus, dass er schon längst entlassen war. Der Zehn-Mann-Betrieb war pleite gegangen, ohne dass die Zeitungen davon Notiz genommen hätten. Er schämte sich vor seinen Nachbarn, vor seiner Familie, wahrscheinlich auch vor sich selbst....
In der Bibel heißt es: „Sechs Tage sollst du arbeiten, aber am siebten Tage sollst du ruhn von aller deiner Arbeit“ - für die Menschen damals war es unvorstellbar, dass jemand arbeiten wollte und nicht konnte, weil keine Arbeit für ihn da war. Heute ist dieser gesellschaftliche Skandal der Normalfall.
Morgen – am 1.Mai – wird es in den Reden vermutlich darum gehen, ob die 35 oder die 42-Stunden-Woche sinnvoller ist; oder wie hoch die nächste Lohnerhöhung ausfallen muss. Ob am Tag der Arbeit die Arbeitslosen auch mal wieder ins Blickfeld geraten? Ob es darum gehen wird, was das für einen Menschen bedeutet, wenn er arbeiten möchte und keiner seine Arbeit will?Martin Luther hat einmal gesagt, dass der Mensch zur Arbeit geboren ist wie der Vogel zum Fliegen. Damals ein Provokation in den Ohren derer, die es sich leisten konnten, nicht zu arbeiten. Arbeit galt als eine Last, die nur die zu tragen hatten, die durch die Gnade ihrer Geburt nicht davon befreit waren.
Heute ist der Satz Luthers eine Provokation in den Ohren einer Gesellschaft, die sich an über vier Millionen arbeitslose Menschen längst gewöhnt hat. Ich habe gewiss auch keine Lösung für das Problem der Arbeitslosigkeit. Aber ich weiß, dass es nicht nur auf dem Hintergrund von Produktivität und Lohnnebenkosten diskutiert werden darf. Denn Arbeit ist mehr als Erwerbstätigkeit, egal in welchem Betrieb. Arbeit ist auch Mitarbeit in Gottes Welt und gehört zum Wesen des Menschen. Wir missachten unsere Gottesebenbildlichkeit, wenn es uns nicht gelingt, für ausreichend Arbeit zu sorgen und sie zu teilen.
Es bedarf hier der gemeinsamen Suche derer, die Arbeit haben und derer, die keine Arbeit haben; derer, die Arbeit vergeben können, und derer, die nehmen müssen, was sie kriegen können. Doch ich hoffe, unser Gott hilft uns bei der Suche nach Antworten: Es gibt viel zu tun, wie packen wir`s an?

Axel Stahlmann, Pastor an St. Lamberti, Bergen