Krabbenbrot für Genießer

Es dauert bis mein Krabbenbrot mit Rührei kommt.  Das wird die abschließende Gaumenfreude unseres Tagesausflugs an die Ostsee. Wenn es denn irgendwann soweit ist. Es dauert, weil die Tische auf der Promenade sehr gut besetzt sind. Kellnerinnen eilen schwarzberockt hindurch. 

Neben mir gibt es einen Wechsel, der Mann zahlt und steht auf. Ein älteres Ehepaar geht zielstrebig auf den Platz zu.  „Gehen“ ist schon übertrieben, der Mann schleicht. Mühsam schiebt er Fuß vor Fuß. Seine Frau rückt ihm einige Stühle aus dem Weg. Die Umsitzenden helfen ihr, ohne gebeten worden zu sein. Mit einem kräftigen Stöhnen lässt er sich auf den Stuhl fallen, den er angestrebt hat. Jetzt sitzt er da, lächelt entspannt und bestellt ein Bier. Nur der Stock - locker an seinen Stuhl gelehnt - deutet an, dass das Bier Belohnung für eine große Anstrengung ist.

Pulsierendes Leben in diesem Straßencafé. Durch ihre grölende Begrüßung fällt mir eine Gruppe von bemüht lässigen Jugendlichen auf. Sie prahlen mit ihren Segelerlebnissen. – Ich schmunzle: „Ihr habt´s aber nötig!“

Direkt neben ihnen sitzt eine Familie. Die Eltern sind nicht mehr ganz jung, die Töchter wohl in den Zwanzigern. Eine von ihnen ist geistig und körperlich behindert. Ihre Bewegungen sind unsicher und ruckhaft.  Doch es fällt kaum auf. Warum eigentlich? Ihre Schwester hilft ihr mit kleinen Handgriffen. Kein zeichenhaftes Betüdern, sondern einige geübte Hilfen. Selbstverständlich und unaufgeregt.

Ich komme ins Grübeln. Menschen, die wie gut miteinander umgehen und aufeinander achten. Ist das nicht ein wichtiger Teil der Erholung? Sonne, Meer und gegenseitige Rücksicht. Ein unaufgeregtes Miteinander von Jungen und Alten, Schnellen und Langsamen.

Fällt mir das deshalb so sehr auf, weil es allzu oft anders ist? Werden Einschränkungen nicht oft hinter blickdichten Gardinen versteckt?

Insofern ist dieser Sonnentag ein Einblick in Gottes Welt, wie er sie für uns gemeint hat: „Zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist…seid untereinander freundlich und herzlich.“ (Epheser 4). Erneuern will Gott die Menschen. Jesus zeigte: „Es geht auch anders!“  

Jetzt kommt die Kellnerin um die Ecke geschossen und jongliert mein Brot auf dem Tablett. Es sieht gut aus. Ich beiße hinein und genieße es. Stimmt, es geht auch anders. Im Urlaub kann man es ausprobieren.

Pastor Volkmar Latossek, Stadtkirche Celle