Keine Angst vor Traurigkeit

Trauer hat ihre eigene Lebensdauer! Er zog ein Taschentuch vor und wischte sich die Augen. „Vier Wochen nach meiner Konfirmation starb mein Vater“, erinnerte er sich. Inzwischen ging er selber auf die achtzig zu, erst vor wenigen Jahren hatte er seine Frau verloren, die er bis zuletzt gepflegt hatte. Aber diese Tränen jetzt galten seinem Vater: „Gerade, als ich soweit war und etwas von meinem Vater haben wollte, starb er!“ Ich staune. Wie ein so alter Schmerz so frisch sein kann, ein Leben lang mitgegangen! Wenn sein Vater gewusst hätte, was er seinem Jungen bedeutet hat – hat er’s gewusst? Da bringt Trauer in Erinnerung, wie sehr ein Mensch zur Wahrheit unseres Lebens gehört. 

      Manchmal geht die Trauer schon vorweg: „Meine Frau und ich“, fährt er etwas später fort, „haben offen darüber gesprochen. Ich habe ihr gesagt: ‚Du musst vor mir gehen. Denn wer soll sonst für dich da sein?’“ Welcher Mut, so miteinander zu reden! Einfach aus dem Gefühl: An unserer Trauer kommen wir nicht vorbei! Vielleicht war es so leichter, denn ein Stück konnten sie sie noch gemeinsam tragen, seine Frau und er. Dass ihm das jetzt noch half, wo er nun allein war.  

       Der Trauer ins Auge sehen:  Vielleicht ging es unseren Vorfahren darum, wenn sie gebetet haben „Herr, bewahre mich vor jähem Tod!“ Plötzlich geht’s an die Substanz meines Glaubens – denn ohne ein Basis-Quantum Hoffnung kann man solche Gedanken wahrscheinlich nur verscheuchen wie einen Alptraum. Aber Trauer, auch Trauer vorweg, macht Sinn - wie eine schützende Hand dieser lebensnahe Zuspruch Jesu: „Ihr habt nun Traurigkeit; aber ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen“ (Johannes 14, 22). Er respektiert den Schmerz: Ohne Schmerz kommt ja keiner durch’s Leben. Aber dann verjagt er das Schreckgespenst, als sei Trauer ein bodenloser Abgrund. Nein – so schwer es ist, aber da könnt ihr durch! Die Traurigkeit hat einen Ausgang. Weiß Gott, manchmal schlimm genug; aber wer drin war, hat oft erfahren: Ich war begleitet, sogar manchmal getragen. Selbst durch Trauer ging es auf Gott zu.  

       Darum: Trauer hat ihr Recht, manchmal noch nach 70 Jahren. Ich bin überzeugt: Wer sich seine Trauer leistet, lebt gesünder. Und allemal wahrer. Totgeschwiegenes belastet und trennt, denn die Angst dahinter ist das Gift des Teufels.  Doch genau das hat ihm Christus aus der Hand genommen: „Ich will euch wiedersehen!“ Und so wird’s kommen.   

 

Michael Wohlgemuth, Pastor in Klein Hehlen