Hauptsache: das Kind

Die Tiere diskutieren mal wieder über Weihnachten. Sie streiten, was wohl die Hauptsache an Weihnachten sei.

"Na klar, Gänsebraten", sagt der Fuchs, "was wäre Weihnachten ohne Gänsebraten!" "Schnee", meint der Eisbär, "viel Schnee!" Und er schwärmt verzückt: "Weiße Weihnachten feiern!" Für das Reh ist klar: "Ich brauche aber einen Tannenbaum, sonst kann ich nicht Weihnachten feiern." "Aber nicht so viele Kerzen", heult die Eule "schön schummrig und gemütlich muss es sein. Stimmung ist die Hauptsache!" "Aber mein neues Kleid muss man sehen", erklärt der Pfau "Wenn ich kein neues Kleid kriege, ist für mich kein Weihnachten." "Und Schmuck," krächzt die Elster, "jede Weihnachten kriege ich was: einen Ring, ein Armband, eine Brosche oder eine Kette, das ist für mich das Allerschönste." "Na, aber bitte den Stollen nicht vergessen ", brummt der Bär, "das ist doch die Hauptsache, wenn es den nicht gibt und all die süßen Sachen, verzichte ich lieber auf Weihnachten." "Mach's wie ich", sagt der Dachs, "pennen, pennen, das ist das Wahre an Weihnachten, mal richtig ausschlafen!" "Und saufen", ergänzt der Ochse, "mal richtig einen saufen und dann pennen..." ...dann aber schreit er "aua!"; denn der Esel hat ihm einen gewaltigen Tritt versetzt: "Du Ochse, denkst du denn nicht an das Kind?" Da senkt der Ochse beschämt den Kopf und sagt: "Das Kind, ja das Kind, das Kind ist die Hauptsache." "Übrigens", fragt der Esel, "ob das auch die Menschen wissen?" 

In Dresden vergessen

Vor ein paar Tagen im Fernsehen. Ein Reporter steht in der Fußgängerzone von Dresden. Passanten werden befragt: „Was feiern wir zu Weihnachten?“ – „Ein Fest, das im 18ten Jahrhundert erfunden wurde…“, versucht einer zu erklären. „Den Weihnachtsmann“, sagt eine achselzuckend; „die Wintersonnenwende, glaub ich“, meint ein anderer... Bis dann endlich die erlösende Antwort kommt: „Die Geburt von Jesus.“

Ja, liebe Leserin, lieber Leser, das Kind ist die Hauptsache. Aber offensichtlich genügen 40 Jahre in einem atheistischen Staat und 13 Jahre Nationalsozialismus, diese Hauptsache in den Hintergrund zu drängen. Aber ob der Reporter in Celle wirklich schneller auf die richtige Antwort gestoßen wäre? So oder so: das Kind in der Krippe ist die Hauptsache. 

Zwischen Bratwurst und Glitzerlicht

Wer in diesen Tagen durch die Celler Fußgängerzone oder über den Weihnachtsmarkt geht, wer einen Einkaufsbummel durch die Geschäfte macht, wird kaum etwas vom Kind in der Krippe zu sehen bekommen. Tannenbäume, Glitzerlicht, edel verpackte Parfums, Dauerberieselung mit Weihnachtsliedern, Bratwurstduft, Weihnachtsmänner, Leuchtreklame, Schwaden von Glühwein und Punsch, Lichterketten und Sonderangebote. Zwischen all dem Geflimmer und Geflirr, den Gerüchen und Geräuschen laufen wir genervten Menschen mit Tüten voller Geschenke. Was hat das alles mit dem Kind in der Krippe zu tun? 

Zuhause – in der Kirche?

Und wenn wir wieder zu Hause sind, vielleicht erschöpft, aber endlich fertig mit den Vorbereitungen für das Fest, wo bleibt dann das Kind? Tannenbaum, Geschenke und gutes Essen – das kann doch nicht alles sein! Viele Menschen haben ein Gespür dafür, dass da etwas nicht stimmt.

Darum sind unsere Gottesdienste am Heiligen Abend so voll, wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Man wünscht sich nicht nur frohe, sondern auch gesegnete Weihnachten. Viele Menschen ahnen, dass das Fest ohne den Segen Gottes und ohne das Kind in der Krippe zu einer hohlen Veranstaltung wird. Und darum geht´s in die Kirchen unserer Stadt und unserer Dörfer, die ihre Türen in diesen Tagen besonders weit geöffnet haben. Wenn es Zuhause nicht klappt mit den Weihnachtsliedern, dann doch wenigstens hier; und spätestens beim „O du fröhliche“ singt jeder mit. Wenn wir dann die Geschichte vom Kind in der Krippe hören, dann sind wir wieder bei der Hauptsache. Wir sind ergriffen. Dann bekommt Weihnachten Tiefe. 

Hauptsache: das Kind

Das Bild auf dieser Zeitungsseite weist auf die Hauptsache hin: Das Kind in der Krippe. Weder Ochse noch Esel, weder Hirten noch Könige, nicht einmal Maria und Joseph sind zu sehen. Ein Bild, auf das Wesentliche reduziert: Nur das Kind. Die Künstlerin Christamaria Schröter aus Selbitz hat das Kind hineingemalt in eine Umgebung von blauen und erdigen Farbflächen. Darin sind gelbliche und rote Strukturen auszumachen. In der Mitte, gleich neben dem Kind, kann man vielleicht so etwas wie eine Blume erkennen: „Es ist ein Ros´ entsprungen…“. Besonders fällt mir jenes helle Gebilde rechts von der Mitte auf, das dem Bild Licht gibt. Ein Stern, ein Engel? Hier deutet sich wohl etwas von jenem ewigen Licht an, das der Welt einen neuen Schein gibt. Das in Windeln gewickelte Kind nimmt diesen Lichtschein auf. Schutzbedürftig, machtlos, ausgesetzt der Willkür und der Güte liegt es vor uns. Das Kind entwaffnet uns, es liefert sich den Menschen aus, voll Vertrauen. Man möchte es in die Arme nehmen, es wärmen und beschützen. 

Gott wird Mensch

In diesem Kind wird Gott Mensch. Das ist die Hauptsache. In diesem Kind rückt uns Gott nah und zeigt sich den Menschen. Er zeigt sich allerdings anders als man es erwartet: Als schwaches Kind im ärmlichen Stall von Bethlehem, nicht als allmächtiger Herrscher im prunkvollen Palast. Während Gott als der Ewige, Allmächtige und Allgegenwärtige für uns Menschen ein Geheimnis bleibt, lässt er sich in Jesus sehen. Der ewige Gott über uns ist nun unter uns zu finden: In Jesus, dem Kind von Bethlehem. In Jesus, dem Prediger und Freund der Menschen, der vor fast 2000 Jahren durch Palästina zog. In Jesus, dem Mann am Kreuz auf Golgatha. In diesem Menschen rückt Gott uns nah und lässt uns seine Liebe erfahren. Über der Krippe: Der Stern von Bethlehem; auf dem Hügel von Golgatha: das Kreuz – das hat etwas mit uns zu tun. Heute noch bezeichnen wir den Anfang des Lebens mit einem Stern hinter der Jahreszahl und das Ende mit einem Kreuz. Wir drücken damit aus, dass wir – wie Jesus – in Gott geboren werden und in ihm auch sterben.

Weihnachten feiern

Hauptsache: das Kind. .Mit dem Kind von Bethlehem kommt eine neue, eine gute Botschaft in die Welt. Die sagt: Von nun an kann es Frieden werden unter uns, weil wir nicht mehr Gleiches mit Gleichem vergelten müssen. Freude kann einziehen. Liebe und Verstehen kommen zu ihrem Recht, ja und die Gerechtigkeit bekommt eine neue Chance. Mit dieser Botschaft haben die Engel in Bethlehem begonnen – so wie wir es singen: „Nun soll es werden Friede auf Erden.“ Und Gott traut uns zu, die Botschaft der Engel weiterzusagen. Darum ist es gut, die alten und neuen Weihnachtslieder zu singen. Darum ist es gut, die Geschichte vom Kind in der Krippe immer wieder zu hören und sie unseren Kindern und Enkeln zu erzählen. Darum ist es gut, Weihnachten zu feiern. Darum ist es gut, in die Kirche zu gehen und sich sagen zu lassen: Aus Liebe zu uns Menschen wurde der ewigreiche Gott arm, um uns reich zu machen: Er schenkt uns seinen Sohn und er macht auch uns dadurch zu seinen Söhnen und Töchtern, zu Gotteskindern. 

Machs wie Gott: werde menschlich!

Das Kind in der Krippe ist die Hauptsache. Es ist das innigste Bild fürs Menschsein. Zu Weihnachten machen wir´s wie Gott und werden menschlich:  Wir geben etwas Gutes weiter. Wir erfreuen einander mit Geschenken. Wir sind freundlich. Wir sind großzügig. Unser Herz ist weit – auch für die, denen es nicht gut geht, Menschen, die wir vielleicht nicht einmal kennen. 

Jeder hat seinen Geburtstag, aber nur den Geburtstag des Kindes feiern wir alle – oder doch sehr viele von uns – zusammen; auch in diesem Jahr. Ich wünsche Ihnen frohe und gesegnete Weihnachten!

Dr. Hans-Georg Sundermann, Superintendent des Evangelisch-lutherischen Kirchenrkeises Celle