Die Asche, der Balken und die Vetternwirtschaft

Über den Volkswagen-Konzern in Wolfsburg wird inzwischen gewitzelt, VW sei die Abkürzung für Vettern-Wirtschaft. Jeden Tag gibt es neue Anschuldigungen, Verdächtigungen oder Vermutungen, wer von wem wofür wie viel kassiert haben könnte - und das nicht nur im Zusammenhang mit VW. Das Geschrei ist groß - an den Stammtischen, in den Parlamenten, in den Kommentaren von Zeitungen und Fernsehen.

Sicherlich: An Politiker, die die Gesetze erlassen, müssen besonders hohe Anforderungen im Um-gang mit diesen Gesetzen gestellt werden. Und die, die sich öffentlich über ihre Kollegen ereifern, müssen sich die gleichen Fragen gefallen lassen, die sie selber anstellen. Aber manchmal kommt mir das Ganze inzwischen fast vor wie die Hexenjagd im Mittelalter: eine Halbwahrheit reicht schon für den Scheiterhaufen. "Was siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, und siehst den Balken in deinem eigenen Auge nicht", so hat Jesus die Menschen zur Vorsicht gemahnt. Keine voreiligen Verdächtigungen! Keine öffentliche Vorverurteilung! Und vor
allem: Schau erst bei dir selber genau hin, bevor du dich über andere ereiferst. Vermutlich haben alle Parteien mit dem Problem zu kämpfen. Und wenn man den Meldungen über die Höhe von Zahlungen glauben kann, wäre ich versucht, das Jesus-Wort abzuwandeln: "Was siehst du den Balken im Augen des Politiker (oder der Krankenkassen-Vorsitzende), und siehst den Splitter in deinem eigenen nicht." Und trotzdem. Es bleibt der Splitter im eigenen Auge. Und für den bin ich zuerst verantwortlich. Ich habe den Eindruck, als wenn Menschen durch ihre geäußerte Empörung von sich
selber ablenken wollen, ob nun bewusst oder unbewusst. Denn ob alle die, die sich jetzt auch im privaten Kreis ereifern, wirklich die weiße Weste haben, die sie von den anderen erwarten?

In meinen Augen gibt es keinen prinzipiellen Unterschied, ob ein Politiker regelmäßig ein paar Tausend Euro von einem Konzern bekommt, ohne etwas dafür zu tun; oder ob jemand regelmäßig am Wochenende sich
ein paar Euro schwarz dazu verdient. Vor drei Tagen war Aschermittwoch. An diesem Tag wurde den Menschen von alters her ein kleines Kreuz aus Asche auf die Stirn gezeichnet. Es war eine Mahnung und sollte sie an die eigenen Fehler und Fehltritte erinnern. Jede Christin, jeder Christ bekam dieses Bußzeichen. Denn keiner ist ohne Fehler. Und jeder - ohne Ausnahme - ist auf Vergebung angewiesen! Die Passionszeit, die mit
Aschermittwoch begonnen hat, ist eine Zeit um in sich zu gehen. Eine Zeit, in der ich mich mit meinen Schwächen auseinandersetzen kann. Eine Zeit, um zu schauen: Wo habe ich Schuld auf mich geladen? Eine Zeit aber auch, um etwas von der Schuld und der Scham bei Gott loszuwerden.....
Und wie hältst du es mit dem Balken oder Splitter in deinem Auge? fragt sich
Axel Stahlmann
Pastor an St. Lamberti, Bergen