Bush-Besuch

Jeden Morgen winkt Till dem wachhabenden US-Soldaten zu. Kaum sichtbar hebt der Soldat vor der Kaserne in Ramstein die Hand und grüßt zurück.Till ist mit dem Fahrrad auf dem Weg zur Schule. Jeden Tag der gleiche Weg. An diesem Morgen ist alles anders. Till muss einen großen Bogen um die Kaserne machen. Alles ist weiträumig abgesperrt. „Dabei kommt Bush doch erst morgen nach Deutschland.“, wundert er sich.
Am Abend sitzt er mit seinen Eltern vor dem Fernseher. Da sieht er Bilder von der Kaserne, die er so gut kennt. Und er sieht die Präsidentengattin Laura Bush, die den Soldaten und ihren Familienangehörigen einen Besuch abstattet. „Deshalb die ganzen Absperrungen!“, fällt es Till ein.

In einem Interview sagt Laura Bush über sich und ihren Mann: "Unser Glaube ist uns beiden sehr wichtig. Aber weil wir ein Land sind, das auf der Religionsfreiheit gegründet wurde, sind wir uns sehr bewusst, dass eine der wichtigsten Freiheiten ist, dass man anbeten kann, wen man will."

„Klingt gut!“, denkt Till, „Aber ist das auf unserer Welt Realität?“ Viele Konflikte und Kriege sind religiös motiviert oder werden mit dem Glauben in Verbindung gebracht. Viel zu oft wird Gewalt im Namen Gottes ausgeübt. Till erinnert sich an den Religionsunterricht: „Was muss ich tun, damit ich das ewige Leben bekomme?“, fragt ein Schriftgelehrter Jesus. Als Antwort sagt er: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst.“ (Lukas 10, 27)
Das ist eine sinnvolle Lebensregel. Wäre schön, wenn sich mehr Menschen zu Herzen nehmen würden, Gott zu lieben. Aber vielleicht übertreiben manche die Liebe zu Gott. So kann aus Glaubenseifer religiöser Fanatismus werden.
„Aber da gibt es den kurzen Nachsatz: und deinen Nächsten wie dich selbst.“, denkt Till. Wenn ich den Nächsten im Blick habe, dann gehe ich auch nicht über ihn hinweg - auch nicht über Andersdenkende, Andersausse-hende, Andersglaubende. Gott lieben und den Nächsten wie dich selbst. Ausgewogen sollte es sein. Dann bedeutet Glaube wirklich Freiheit.
Jochen Grön
Pastor St. Marien, Wienhausen