60 Jahre später. Wir brauchen Erinnerung

Morgen am 8.Mai jährt sich das Ende des Zweiten Weltkriegs zum sechzigsten Mal. Am 15.April war der sechzigste Jahrestag der Befreiung Bergen-Belsens mit den bewegenden Gedenkfeiern an der Rampe und im Lager selbst. Am 12.April 1945 war in Celle der Krieg vorbei. Dazu in Bergen die Besonderheit, dass am 22.April alle Häuser im Ort geräumt werden mussten und anschließend zur Plünderung freigegeben wurden. Unsere Vergangenheit ist gerade jetzt  wieder sehr lebendig.

Vereinzelt gibt es Stimmen, die sagen: „Es war schrecklich, aber irgendwann muss es auch gut sein.“ Aber die große Mehrheit der Menschen in unserem Land weiß, wie wichtig es ist, dass wir uns gemein-sam erinnern. Dass wir die Erinnerung daran wach halten, was damals auf deutschem Boden und von Deutschland aus passiert ist. Dass wir unseren Kindern und Enkeln davon erzählen.

Ein Mensch kann nicht ohne Erinnerungen leben. Sie sind Teil seiner Geschichte – im Guten, wie im Bösen. Wollte er bestimmte Stücke dieser Geschichte einfach vergessen, dann wäre das so, als würde er den Körperteil abschneiden wollen, der schmerzt. Aber es ist allemal besser, wenn Arm oder Bein erhalten bleiben. Auch wenn die Narben darauf hin und wieder schmerzen.

Und auch unser Glaube lebt von Erinnerungen: An das Versprechen Gottes an Abraham, an die Befreiung Israels aus Ägypten, an die babylonische Gefangenschaft. Vor allem aber an die Jahre, als Gott selbst in Jesus von Nazareth auf der Erde lebte und lehrte, liebte und heilte. Nach allem was wir wissen, verstand Jesus sich auch als Teil einer Geschichte. Er hielt in seinen Predigten die Erinnerung an diese Geschichte Gottes mit seinen Menschen wach. Und das gleiche sollen wir in seinem Auftrag auch tun: Weitererzählen von dem, was wir mit Gott erlebt haben. Zeugen sein für den, der von sich gesagt hat: „Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Das ist nicht der Friede, den die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht. Habt keine Angst.“

Und mit dieser Zusage im Ohr und im Herzen können wir uns gemeinsam auch den dunklen Jahren unserer Geschichte stellen. Nichts wird dadurch ungeschehen gemacht. Unrecht bleibt Unrecht, Leid bleibt Leid, der Tod bleibt Tod. Aber die gemeinsame Erinnerung an das millionenfache Leid – und vereinzelt auch menschliche Größe – wird zur Wurzel für die Pflanze Hoffnung; Hoffnung darauf, dass Rassenhass und Kriegswahn in unserem Land keine Chance mehr haben.

                        Axel Stahlmann

Pastor an St.Lamberti, Bergen