Gesang aus 100.000 Kehlen, Hände recken sich begeistert in die Höhe. Menschen liegen sich in den Armen, feiern und weinen. Es ist kein Konzert der Rolling Stones, das hier bejubelt wird, es ist der Kirchentag in Hannover, der auf dem Schützenplatz zu Ende geht.
„Wenn dein Kind dich morgen fragt“ hieß das Motto des Christentreffens. Und es wurde viel gefragt: nach Gott, nach Arbeit und Familie, nach Frieden und Gerechtigkeit, nach Träumen für die Zukunft.
Haben die Christen wohl Antworten mitgebracht, die wir so bitter nötig haben in einer Zeit der Verunsicherung? Haben sie Schneisen schlagen können durch den Dschungel des Lebens? Ist jetzt alles beantwortet? Alles geritzt? Noch Fragen?
Drei Fragen – drei Antworten aus dem Schlussgottesdienst auf dem Schützenplatz:
Wie können wir glauben? Immer mehr, so scheint es, verlieren ihren Glauben. Immer weniger können mit Kirche etwas anfangen. Kirchentagspräsident Nagel: Über 2000 Kinder waren bei der Bibelarbeit. Kinder wollen hören, wollen lernen, sind begeistert und fragen nach unserem Glauben, nach unseren Geboten. Wer bei den Kindern spart, vertraut nicht auf die eigene Zukunft. Gebt den Kindern Raum, der ihnen gebührt!
„Wie wollen wir leben?“ Auf keinen Fall allein! Kirche lebt da, wo sich Menschen begegnen, wo sie diskutieren und beten. 300.000 Kerzen haben am Mittwochabend Hannover erleuchtet. Alles Lichter, die sagen: wir leben mit der Hoffnung, dass sich die Welt verändern kann. Der Theologe Oosterhuis aus Amsterdam beim Schlussgottesdienst: Wir haben eine Vision, dass eine neue Welt kommen wird, wo Brot und Recht und Liebe ist, genug für alle.
„Wie sollen wir handeln?“ Wie kommen wir aus der Krise unseres Landes und vor allem unserer Welt mit Kriegen, Hunger und Armut? Ist dieser Zustand Schicksal oder gottgegeben?
Oosterhuis: Schafft den Unterdrückten Recht, dem Waisenkind, dem Armen, Beraubten, Erniedrigten – rettet die, die sich nicht wehren können! Die Kraft dieser Bibelworte ist das Faustpfand des Glaubens. Wir sollten es einsetzen gegen die Ideologie des freien Marktes, die unsere öffentliche Moral zerrüttet, unser Gewissen aushöhlt und unseren Protest gegen Unrecht entmutigt.
Noch Fragen? Ja, unendlich viele!. Aber ich fühle mich gestärkt durch die Antworten des Kirchentages.
Jochen Grön, Pastor St. Marien, Wienhausen