Ein Echolot ist ein Apparat zur Messung von Meerestiefen mittels ausgehender akustischer Wellen. „Echolot” nennt Walter Kempowski auch das „kollektive Tagebuch“, in dem er Dokumente aus den Kriegsjahren gesammelt hat: Briefe, Frontberichte, Tagebucheintragungen, Wetterberichte, Gedichte, amtliche Bekanntmachungen.<?xml:namespace prefix = o ns = "urn:schemas-microsoft-com:office:office" />
Beim Blättern in diesem 10-bändigen Werk, können auch wir Nachgeborenen in Kriegszeiten eintauchen. In Briefen und Tagebuchnotizen werden wir mitgenommen in Schützengräben, Luftschutzbunker und Kommandozentralen. Wir bekommen eine Ahnung von der Verzweiflung, der Verbohrtheit und auch von der hier und da aufglimmenden Hoffnung der Menschen.
Volkstrauertag. –Nicht „an alten Wunden rühren“ oder in Schuldzuweisung stecken bleiben, sondern erinnern und ermahnen. Heute an die Opfer von Krieg und Gewalt denken heißt: So etwas darf es nie wieder geben!
Und doch, auch in diesem Moment, während wir gerade den Tag beginnen, die CZ lesen, in unseren Kaffeetassen rühren, wird in anderen Teilen der Welt in Krieg und in Terror gemordet, gefoltert, vergewaltigt, gelitten und gestorben.
Diese Gleichzeitigkeit der Ereignisse zeigt das Echolot - Projekt. Es beschreibt nicht nur die Schrecken des Krieges, sondern zugleich die Banalität des Alltags:
- Während in Stalingrad ein eingeschlossener Soldat das qualvolle Sterben seines Kameraden schildert, berichtet eine Hausfrau aus dem Ruhrgebiet, welchen Hut ihre Freundin beim Kaffeeklatsch getragen hat.
- Während in Auschwitz ankommende Häftlinge registriert werden, ergeht sich ein deutscher Offizier in der Ukraine in Naturschilderungen.
Volkstrauertag: das ist ein Echolot, das Stimmen aus der Tiefe hörbar macht. Damit werden wir empfindsam für das, was früher geschah und für das, was an anderen Orten der Welt neben unserem Alltag gleichzeitig geschieht.
Gabriele Ahnert-Sundermann
Pastorin in Klein Hehlen
e-mail:
gabriele.ahnert-sundermann(at)evlka.de