Das freundliche Gesicht der Enttäuschung

Manchmal, wenn ich enttäuscht bin,  denke ich an Matthias und seine Geschichte – und dann sehe ich wieder etwas klarer, dass Enttäuschungen auch ihre gute Seite haben. 
Matthias fühlte sich damals, vor acht Jahren,  wie im siebten Himmel. Der Termin für die Trauung rückte näher. Hochzeitskleid und Anzug waren gekauft. Das Buffet war ausgesucht - italienisch sollte es sein! Die Musiker waren bestellt und das Traugespräch geführt. Der letzte Freitag im Mai 1997 hätte ein wunderschöner Tag werden können –  wenn nicht Michaela eine Woche vor der Hochzeit das Fest abgesagt hätte. Sie könne ihn nicht heiraten, sagte sie, und verschwand aus seinem Leben. 
Auch heute noch zieht die Enttäuschung von damals eine Spur von Schmerz durch seine Erinnerung. Aber Matthias hat gelernt, mit der Enttäuschung zu leben. Immer wenn sie ihn attackiert, macht er ihre heilende Seite stark. Die Enttäuschung, sagt er heute, hat ihm den Schleier der Illusion weggerissen. Die Enttäuschung hat ihn von der Täuschung befreit, er und Michaela passten wirklich zusammen.  Und dann ist er fast froh, dass es so gekommen ist - damals im Mai 1997.
Das freundliche Gesicht der Enttäuschung – mir gefällt dieses Bild, das Matthias für sich gefunden hat. Wie oft  verschwenden wir doch Seelenkraft an Wünsche, die das Leben nicht einlösen kann. Wie häufig machen wir uns etwas vor und reden uns ein, was mit den blanken Tatsachen nichts zu tun hat.  Ja, wer enttäuscht ist, muss sein Leben wieder neu sortieren. 

Die Enttäuschung zwingt uns, einen klaren Blick für die Dinge und Menschen zu entwickeln. Manchmal muss man sich häuten, muss Trugbilder loslassen. 

Die Enttäuschung klärt auf und öffnet  Türen für längst Fälliges. Neues kann eintreten ins Leben. Ob ich mich oder andere anhimmele, ich muss endlich auf den Boden der Wirklichkeit. Und dieser Boden ist hoffnungsvoll, wenn ich ihn beackere und unterpflüge, was abgestorben ist. Nur so kann Neues wachsen. 

So bitter und schwer Enttäuschungen auch sind, Matthias Geschichte macht mir Mut, an das Neuland hinter wüsten Enttäuschungen zu glauben. Ohne sie gäbe es in Matthias Leben Franziska nicht und Linus und Paula auch nicht. Und wie Matthias heute lachen kann! 

Pastor Uwe Schmidt-Seffers