Was bleibt?

Der alte Mann schlägt das Buch zu und fährt mit zwei kräftigen Armstößen seinen Rollstuhl ans Fenster. „Wenigstens der Blick aus dem Fenster ist mir geblieben“, stellt er ganz ohne Wehmut fest. Heute kann er es kaum glauben, dass er mal zu denen gehörte, die dort unten, drei Stockwerke tiefer, von hier nach dort hetzen.<?xml:namespace prefix = o ns = "urn:schemas-microsoft-com:office:office" />

Der Mann, der da unten an der roten Fußgängerampel wartet und alle paar Sekunden genervt auf seine Uhr schaut, das hätte er sein können, er damals vor 40 Jahren – mit der Aktentasche auf dem Weg zu seiner Bank. Anzug, Trenchcoat, Frisur – alles tadellos.

Damals hatte er nichts anderes im Kopf als seine Karriere. Und in gewisser Weise kann er auch heute noch stolz sein auf seinen Erfolg und auf seinen Fleiß, mit dem er es in kurzer Zeit bis in den Aufsichtsrat gebracht hatte.

Er hat es geahnt: Sein Doppelgänger unten an der Kreuzung hat nicht das grüne Licht abgewartet, sondern lediglich die nächste Lücke zwischen den Autos. Nur nicht auf der Stelle treten. Jede Chance, die sich bietet, muss genutzt werden.

Das war auch damals seine Devise. Da kommt es schon vor, dass man die Ellenbogen gebraucht, um weiter zu kommen. Schließlich macht das die Konkurrenz genauso. Der Zweck heiligt die Mittel.

Unglaublich, mit welcher Selbstverständlichkeit sie – und daran war er maßgeblich beteiligt – damals den Leiter der Kreditabteilung vor die Tür gesetzt hatten. Zu warmherzig, sah in den Kunden immer zu allererst den Familienvater oder die allein erziehende Mutter.

Heute sieht er das anders. Es versetzt ihm einen Stich, wenn er hört, dass Betriebe ihre Mitarbeiter als ‚Humankapital’ bezeichnen. Mittlerweile ist er sich sicher, dass ein Mensch ohne Liebe ein Nichts ist. „Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle“, hat er beim Apostel Paulus im Hohen Lied der Liebe gelesen.

Seit ein schwerer Herzinfarkt vor zwölf Jahren   seine berufliche Laufbahn unwiederbringlich beendet hat, liest er religiöse Bücher, auch die Bibel.

Früher hätte er diese Art von Lektüre abgelehnt. Das war was für religiöse oder esoterische Spinner, aber nicht für Menschen wie ihn, die mit beiden Beinen auf dem Boden stehen. Für ihn zählten Fakten und Zahlen und sonst nichts. 

Zwei Ehen waren darüber zerbrochen. Wie sehr er an seiner Familie hängt, ist ihm immer erst bewusst geworden, als es zu spät war. 

Es klingt paradox: Aber im Grunde hat er erst nach seinem Herzinfarkt angefangen zu leben und zu lieben. Seinen Enkel zum Beispiel. Wie wichtig der in seinem Leben geworden ist!

Gut, dass er wenigstens jetzt noch die Chance hat zu zeigen, wie viel Wärme und Güte in ihm stecken. Und zu erfahren, dass er das, was er gibt, reichlich zurückbekommt.

Das Entscheidende, was ihm geblieben ist, ist nicht der Blick aus dem Fenster, auch nicht die Erinnerung an vermeintlich bessere Zeiten – das entscheidende, was bleibt, ist die Liebe.

Elke Drewes-Schulz, Schulpastorin in Hannover, wohnt in Nienhagen-Papenhorst