Erst wählen und dann ...

Die Kaffeetasse und der Kuchenteller stehen noch auf dem Tisch. Die alte Dame hat mich kaum austrinken lassen, da will sie meine Meinung zur morgigen Wahl wissen. Und so kommen wir in ein lebhaftes Gespräch, so dass wir gar nicht merken, wie die Zeit vergeht. Ich staune, wie engagiert sie sich mit ihren zweiundachtzig Jahren mit den tagespolitischen Fragen auseinandersetzt.

„Die auf den Plakaten lächeln alle. Aber in unserer Familie machen wir uns Sorgen um den Arbeitsplatz, die Renten und die Zukunft der Kinder. Alle meinen, nur sie haben Recht. Aber wem kann man wirklich glauben?“ fragt sie mich.

Wir stellen gemeinsam fest, dass große Probleme gelöst werden müssen. Einfache Sprüche reichen dafür nicht. Wir brauchen Menschen mit Fachkenntnissen. Wie gut, wenn jemand bereit ist, für uns alle Verantwortung zu übernehmen und sich zu engagieren. Nur man kann nicht immer alles richtig machen und vorherwissen. Ein schnelles (Vor-)Urteil ist leicht.

„Und es ist auch keine Lösung, wegen der Probleme zu resignieren und nicht zu wählen!“ Ein klein wenig stolz erzählt sie dann: „Ich habe noch keine Bundestagswahl ausgelassen!“ Nein, in einer Partei ist sie nicht und hat auch nicht immer die gleiche Partei gewählt. Ihr Leben war oft ganz schön hart, insbesondere nach dem Krieg. Auch jetzt muss sie genau überlegen, was sie sich leisten kann. Aber sie ist heute doch dankbar, wenn sie ihre Lage mit der vieler Menschen weltweit vergleicht.

„Morgen gehe ich wählen“, erklärt sie dann. Sie will mitbestimmen, wer in den nächsten Jahren uns regiert.

„Und ich kann noch etwas tun“, sagt sie ganz ernsthaft. Der Apostel Paulus ruft uns doch auf, für alle Menschen zu beten. Er schreibt im Timotheusbrief: ‚Betet für die Regierenden und alle, die Macht haben, damit wir in Ruhe und Frieden leben können, in Ehrfurcht vor Gott und in Rechtschaffenheit’.

„So“, meint sie, „kann ich jeden Tag Einfluss ausüben. Unsere Politiker, aber auch alle anderen, die viel zu verantworten haben, brauchen unser Gebet.“

„Wir können viel selber tun“, betont sie dann. „Doch wir kommen schneller an Grenzen, als wir denken. Das hat sich gerade in letzter Zeit mehr und mehr gezeigt. Deshalb ist mir wichtig, dass alles, was getan wird, nicht nur vor Menschen, sondern auch vor Gott verantwortet werden kann. Dafür werde ich beten – auch nach der Wahl.“

 

Klaus-Dieter Zunke,
Ovelgönne
Pastor i.R.