
Wir hatten zuhause gerade einen Fernseher bekommen, als Apollo 11 zum ersten bemannten Mondflug startete. 1969 war das. Wie fasziniert war ich von Raumflügen und Astronauten! Natürlich wollte ich auch in die Fußstapfen von Neil Armstrong treten. Ich erinnere mich noch an das Bild, als er die kurze Treppe von der Landefähre zum Mondboden hinunterstieg und auf der letzten Stufe Halt machte. Dann sprang er mit beiden Füßen in den Staub des Erdtrabanten. Dabei sagte er einen Satz, den man sich merkt: „Dies ist ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein großer Sprung für die Menschheit.“
Mein Wunsch, Astronaut zu werden, ist natürlich nicht in Erfüllung gegangen. Kindheitsträume eben! Und doch spielen merkwürdigerweise kleine Schritte und Sprünge in meinem Leben eine große Rolle. Der Meister des Schöppinger Altars hat den großen Sprung, der mich beflügelt, 1455 in seinem österlichen Altarbild für die St. Brictiuskirche gemalt. Das berühmte Kunstwerk präsentiert tausend Geschichten. Worauf es ankommt, zeigt der Ausschnitt unseres Bildes: Der Meister lässt Christus springen!
Christus entspringt dem Grab mit dem gewaltigsten Satz für die Menschheit, der jemals gewagt wurde. Er überspringt nicht nur den Rand des Sarkophags, er überwindet den kalten Tod. Wie wirklich dieses neue Leben des Christus ist, zeigt das Feuer, das die Wachsoldaten entfacht haben, um sich zu wärmen.
Was uns zögern lässt
Mit dem Sprung des Christus aus dem Tod haben wir natürlich ein Problem. Es gibt keinen menschlichen Zeugen für das, was der Schöppinger Meister ins Bild setzt. Allenfalls einen Engel in Gestalt eines jungen Mannes. Der sitzt am Rand des leeren Grabes und berichtet den Frauen, die frühmorgens zum Friedhof kommen, ihr Herr sei auferweckt und ihnen nach Galiläa vorausgegangen. Nichts anderes erfahren die Jünger, die sich vergewissern wollen. Dann erscheint ihnen der Auferstandene an den unterschiedlichsten Orten und in unterschiedlichen Gruppen: Johannes zufolge tritt der Auferstandene durch eine geschlossene Tür zum Beweis, dass dieser nicht identisch ist mit dem Jesus vor dem Tod. Bei Lukas wird es drastisch. Hier wird er von seinen Freunden genötigt, ein Stück gebratenen Fisch zu essen, ehe sie glauben mögen, keiner kollektiven Einbildung aufzusitzen.
Wie soll man nun diese Berichte verstehen? Bilden sie die Wirklichkeit ab? Unsere Erfahrung spricht eine andere Sprache. Wir sind erprobt darin, Fragen zu stellen und nach Antworten zu suchen, die überzeugen. War das Grab wirklich leer? Sind die Apostel vertrauenswürdig, wenn sie von der Begegnung mit Jesus berichten? Sahen sie nicht vielmehr in ihrem tiefen Schmerz eine eingebildete Gestalt vor sich? Besagen die Auferstehungsberichte noch mehr, als dass „die Sache Jesu“ weitergeht und sein Geist beflügelt, die Welt heller zu machen?
Ganze Bibliotheken wurden voll geschrieben, um diesen Fragen auf den Grund zu gehen. Die Existenz von vier Evangelien und zahlreichen Briefen in der Bibel deutet an, dass es bereits in der frühesten Christenheit verschiedene Versuche gab, sich auf Ostern einen Reim zu machen. Verantwortliche Theologie verhehlt nicht, dass es die eine und alle Einwände ausräumende Antwort niemals geben wird.
Was uns zum Springen ermutigen kann
Die Auferstehung hat, wie wir erkennen müssen, keine unmittelbaren Zeugen. Wohl aber bewegt der Auferweckte Menschen aus Fleisch und Blut. Das älteste christliche Zeugnis dazu findet sich übrigens nicht in den Evangelien, sondern im Korintherbrief des Paulus (1. Kor 15, 1-8). Der Mann, der unter dem Namen Saulus die ersten Christen verfolgte, weil man ihnen unterstellte, den Leichnam ihres Rabbi gestohlen zu haben, um seine Gegenwart zu behaupten, wird völlig umgekrempelt. Er wandelt sich zum Paulus, nachdem ihn Jesus „wie ein Licht vom Himmel“ berührt.
So vielstimmig die Bibel über das Ostergeschehen selbst berichtet, so einstimmig schildert sie die Folgen des großen Sprungs ins Leben. Was Ostern tatsächlich geschah, lässt sich nicht beweisen. Nachweisen lassen sich nur die Wellen der Hoffnung, die Menschen zu neuen Ufern tragen. Die beiden ängstlichen Frauen am Grab wurden zu ersten Botschafterinnen von Ostern. Dieser Tag weckte die verzweifelten Jünger und spornte sie an, ihre Hoffnung in alle Welt zu tragen.
Warum ändern Menschen sich und vertrauen sich der österlichen Botschaft der Bibel an? Weil sie erlebten, dass der Gekreuzigte ins Leben stirbt. Der Tod bleibt nicht Schlusspunkt, sondern Doppelpunkt; alles, was stirbt, ist gut für Weiteres. Ostern bewegt zum Springen: Menschen bleiben nicht mehr für sich, sie verknüpfen das Meine und das Deine. Sie sind sich plötzlich nicht mehr selbst genug, sondern empfinden Selbstherrlichkeit als das, was es ist: Mangel an Geist. Ostern pumpt Lebensmut in die Seelen von Menschen.
Als der evangelische Theologe und überzeugte Gegner Hitlers, Dietrich Bonhoeffer, im April 1945 im Konzentrationslager Flossenbürg zum Galgen geführt wurde, waren seine letzten Worte: „Das ist das Ende – für mich der Beginn eines neuen Lebens.“ Zu so einem weiten und überraschenden Sprung kann nur österliches Vertrauen anstiften. Für Menschen wie Bonhoeffer ist Ostern keine Illusion, sondern eine Wirklichkeit mit Folgen. Einen Hinweis für die Glaubwürdigkeit der Auferstehung Christi können wohl nur wir Christen selbst liefern, wenn wir versuchen, neu ins Leben zu springen, wo andere nur den Tod vermuten.
Vorbilder stärken den Glauben
Vorbilder des Glaubens wie der Baptistenprediger Martin Luther King stärken meinen Glauben an die Kraft des Lebens. Mich beeindruckt, wie King sich fromm und frei für die Menschenrechte seiner schwarzen Schwestern und Brüder in den USA eingesetzt hat. Am Abend, bevor er ermordet wurde, beendet er eine Rede in der Mason Temple Church in Memphis mit den Worten: „Ich habe das Gelobte Land gesehen. Vielleicht gelange ich nicht dorthin mit euch. Aber ihr sollt heute Abend wissen, dass wir, als ein Volk in das Gelobte Land gelangen werden. Und deshalb bin ich glücklich heute Abend. Ich mache mir keine Sorgen um irgendetwas. Ich fürchte niemanden. Meine Augen haben die Herrlichkeit des kommenden Herrn gesehen.“ So kann doch nur jemand sprechen, der den Oster-Impuls erfahren hat! Auch Christinnen wie Elsa Brandström, der Engel von Sibirien, oder Amalie Sieveking, die Mitbegründerin der Diakonie in Deutschland, feuern die Hoffnung an, dass die verkrusteten Verhältnisse zu bewegen sind. Statt hilfloser Werbekampagnen wie „Du bist Deutschland“ bezeugen österlich lebende Menschen, wie es geht, freundlich, ohne Gewalt und mutig zu handeln.
Ich denke auch an den zweiten Generalsekretär der Vereinten Nationen, den schwedischen Friedensnobelpreisträger Dag Hammarskjöld. Zu Beginn seiner Amtszeit traut man ihm nicht zu, internationale Konflikte zu entschärfen. Als es ihm aber 1954 in hartnäckigen Gesprächen in Peking gelang, amerikanische Kriegsgefangene des Koreakrieges freizubekommen und er zwei Jahre später binnen weniger Tage den Konflikt um den Suezkanal entschärfte, zollte ihm die Welt mehr als Respekt. Hammarskjöld hat die UN-Blauhelmtruppen erfunden und sich für die Unabhängigkeit der Kolonialstaaten eingesetzt. Sein Platz war zwischen den Stühlen der verfeindeten Parteien. Der Grabstein des Generalsekretärs und christlichen Mystikers im Dom von Uppsala verrät, woher er seine Kraft bezog. Er trägt die Inschrift: „Nicht ich, sondern Gott in mir.“
Ostern lässt kleine Schritte folgen
Große und kleine Vorbilder des Glaubens bezeugen, dass wir nicht auf verlorenem Posten stehen, wenn wir auf die Kraft der Auferstehung setzen. Wir können Anlauf nehmen und den Zug zum Kaputten, wo jeder nur seinen privaten Vorteil ausbaut, überwinden. So, wie wir die Liebe eines Menschen nur glauben und erfahren können, ist der Osterglaube ein Sprung in die Hoffnung, dass die göttliche Kraft stärker ist als die Macht des Todes. Welch ein Irrtum , wenn wir meinen, die Welt sei entzaubert, wo alle Kontinente der Welt entdeckt und die Atome gespalten sind, das menschliche Erbgut entschlüsselt ist – und Raumsonden zur Venus fliegen. Die wirklich großen Abenteuer und kleinen Schritte ins Leben warten auf uns: Wir müssen uns nur die Offenheit für Neues bewahren. Dann bewegt uns Ostern und lässt uns erleben, dass wir alle im Werden sind und am Ende ins Leben sterben, wenn unsere Zeit auf dieser schrecklich schönen wunderbaren Welt vorüber ist. Darum: Fröhliche Ostern.
Pastor Uwe Schmidt-Seffers, Nienhagen