Mein Hund weiß zum Glück nicht, dass es morgen wieder knallt wie verrückt. Aber er ahnt es. Es böllert, heult und zischt nämlich heute schon viel zu oft. Er verzieht sich jedes Mal unter meinen Stuhl. Da fühlt er sich sicher.
Auch wir wissen nicht, was uns das Neue Jahr bringt, aber wir ahnen es. Und also klagen wir heute schon, oder wir freuen uns – je nachdem.
„Denn siehe, ich will Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr’s denn nicht?“ Das schreibt Jesaja, ein Prophet des alten Israel, an die führenden Leute seines Volkes, die in Babylon in der Gefangenschaft sitzen. So um 580 vor Christus. Die Gefangenen sind sich nicht sicher, ob sie befreit werden, aber sie ahnen es. Der Prophet bestärkt sie darin.
Die Evangelischen Kirchen in Deutschland haben sich dieses Wort aus Jesaja 43, 19 ausgesucht als „Jahreslosung“ für 2007, als Ansporn für das Neue Jahr, als Mahnung, als Zusage. Gottes uralte Verheißung soll auch heute gelten. „Ich will Neues schaffen“ – das klingt dynamisch, nach vorn gewandt, positiv, ermutigend. Soll es ja auch sein. Brauchen wir dringend. Als einzelne, als Kirche, als Volk.
Doch „neu“ ist an sich ja noch keine Qualität. Heißt ja nur: „Hatten wir noch nicht!“ oder: „Ist mal was Anderes!“ Neues kann auch ungewohnt sein, unbequem, ja bedrohlich.
Bei Jesaja aber heißt „neu“: Ihr werdet aus der Gefangenschaft befreit. Ihr werdet heimkehren nach Jerusalem. Die zerstörte Stadt werdet ihr wieder aufbauen. Samt einem neuen Tempel für euren Gott. „Neu“ - das könnte für uns womöglich heißen: Auch wir werden befreit vom Alten. Es kommt frischer Schwung in unser Leben. Wir lassen uns wieder begeistern. Schauen nicht mehr zurück, sondern nach vorn. Wir freuen uns bereits über kleine Erfolge. Wir ahnen: da ist mehr drin. Da kommt noch was. Es lohnt sich, dran zu bleiben.
Das „Neue“ wächst, heißt es bei dem Propheten. Und Wachsen geht nun mal langsam. Das Neue ist unterwegs zu uns. „Denn siehe“ fordert Jesaja ganz zu Anfang in der „Losung“. Mag sein, dass genau da für viele ein Problem liegt: Sie vermögen das „Neue“ noch nicht wirklich zu sehen. Weder in ihrem Leben, noch in dem der Kirche oder der Gesellschaft.
Dabei ist das „Neue“ im Ansatz längst da: Menschen helfen Menschen in Diakonie und Caritas, mit Wärmestuben und einer warmen Mahlzeit hier bei uns und Reis und Trinkwasserbrunnen in Ost-Afrika und sonst wo. Ich ahne, dass sich da etwas tut, vermute, dass da etwas wachsen könnte, was mehr Gerechtigkeit bringt und Frieden. Und hoffen will ich allemal, dass es wächst!
Also denn: Auf ein Neues!
Dr. Otmar Schulz, Theologe und Publizist, Papenhorst