Bleib, wie du bist!

Jetzt wird es mitunter in seiner Umgebung bedrohlich. Das Strahlende, das viele immer noch von früheren Zeiten erzählen lässt, ist schon seit Jahren erloschen. Seit die Depressionen häufiger und heftiger werden, lebt er abgeschirmt von der Öffentlichkeit. Kein gutes Haar lässt er mehr an seinem „Kronprinzen“ David, den er sich selber herangezogen hatte. Neulich hat er in einem Wutausbruch um Haaresbreite tödlich ein Messer nach ihm geworfen. Das ist nicht mehr der König Saul, den man kannte – was ist aus dem einstigen Star geworden, dem Power-Politiker und Sympathieträger, jetzt auf seine alten Tage (1. Samuel 18)!

         „Bleib, wie du bist!“ – genau das haben wir immer weniger in der Hand, je älter wir werden. Die Gesundheitsapostel mit ihren Präparaten und Fitnesstipps, die Medizin mit dem Arsenal ihrer Lebensverlängerungen, sie alle  mögen Aufschub geben; aber zuletzt bricht es doch mit Macht über uns herein: Wir sind nicht mehr die alten. Je länger wir leben, desto unabsehbarer. Schön, die Werbung mit ihren Vorzeige-Alten in der dritten Aktiv-Lebensphase – aber wer zeigt uns, wie wir den Verfall vereinbaren mit der Würde des Menschen, die ihm auch dann bleibt, wenn er mal nicht mehr kann?

      Mitten im Leben trifft es uns selbst: Eltern verändern sich, sie, die immer der Halt waren. Aber jetzt manchmal, als wären sie die Kinder und wir müssen groß sein. „Bleib doch, wie du bist!“ – erst recht, wenn es der eigene Ehepartner ist. Aber inzwischen, dass immer seltener noch der Mensch hervorschaut, den man einmal geliebt hat.

Abschied schmerzt. Vielleicht noch nicht vom Menschen selbst, aber von dem, was er bisher für uns war. Da rückt uns ein Stück Wahrheit auf den Leib. Denn „bleiben, wie er ist“, das ist keine menschliche, sondern eine göttliche Eigenschaft, sagt die Bibel (Psalm 102,27). Es war immer schon der Gegenhalt des Glaubens, dass Gott es ist, der „ganz der alte“ bleibt, mitsamt seiner erstaunlichen Schwäche für uns. So ein Vertrauen als Basis, um realistisch ins neue Jahr zu gehen, wenn uns als vielleicht größte Lebensleistung abverlangt wird zu begreifen: „Bleib, wie du bist!“, das wird uns nicht gelingen. Dennoch ließ Gott uns einander gehören. „Wir haben uns in guten Zeiten gehabt, da war, was heute schwer ist, schon mit drin – ein Mensch ist nun mal nicht teilbar“, sagte ihr Mann draußen vor der Tür.

        Stimmt: Unser Heil ist, dass Gott bleibt. Der kennt unser Geheimnis und wird es am Ende lösen. Dagegen: Uns daran klammern, immer älter und fitter zu werden – was für eine Vision des Grauens!

     Michael Wohlgemuth, Pastor in Klein Hehlen