Frechheit!

"Ein Stich ins Herz, wie ein Dolch. Ein Wort genügt und die Wunde schmerzt wie ein Dolchstich. Es gibt solche Bemerkungen, die sitzen und schmerzen; ansatzlos, punktgenau.

Eine Frau, deren Namen wir nicht mehr kennen nervt Jesus. Sie hat eine andere Herkunft als er, andere Traditionen, betet zu anderen Göttern – eben eine Fremde. Sie ist Jesus auf den Fersen, weil sie hofft: „Er macht meine Tochter gesund.“ Für ihr Kind vergisst sie die Anstandsregeln und schreit um Hilfe. Vertröstungen beruhigen sie nicht.

Da spricht Jesus Klartext: „Ich hab mit dir doch nichts zu tun. Meine eigenen Leute wollen schon mehr als ich kann.“ Dann der Dolch: – „Kindern nimmt man kein Brot weg, um es den Hunden hinzustreuen!“

Die Leute um Jesus zucken zusammen. Was für ein Wort. Ein Wort als Dolch von Jesus. Das sind sie nicht gewohnt; „Nun gut, die Frau war vielleicht zu forsch, aber sie mit einem Hund zu vergleichen?“ Der Atem stockt, eine Schrecksekunde lang. Was passiert jetzt?

Als hätte jemand einen Schalter umgelegt, ist das Schreien der Frau zu Ende. Sie sagt schlicht „Und doch fressen Hunde die Krümel, die die Kinder fallen lassen.“

Eine Beleidigung so wegstecken zu können – Beneidenswert! Wenn ich beleidigt werde, gehe ich weiter und denke fünf Minuten darüber nach, welche treffende (witzige und freche) Antwort zugleich ich hätte geben können. Anders die Fremde bei Jesus. Das Leben ihrer Tochter ist in Gefahr. Sie schiebt Stolz und Würde zur Seite. Aus der Beleidigung macht sie ein Wortspiel, aus dem beleidigenden Dolch wird ein sprachliches Florett. In der Sprache der Boxer: Die Frau hat Nehmerqualitäten. Vielleicht sollte ich auch daran arbeiten.

Das Ende: Jesus sagt: „Solchen Glauben habe ich bei meinen Leuten nicht gefunden,“ und hilft der kranken Tochter."                                                                                        

Pastor Volkmar Latossek, Stadtkirche Celle