Die Grippe hatte mich voll erwischt. Fieber, Schüttelfrost, Nebenhöhlen dicht. Auf meinem Nachtschrank sah es aus wie auf dem Apothekertresen: Nasentropfen, Kopfschmerztabletten, Lutschbonbons, ein ganzer Haufen zerknüllter Taschentücher. Nach ein paar Tagen war ich so einigermaßen wieder auf den Beinen. Und dennoch: „Du siehst ja aus wie das Leiden Christi“, sprach mich ein Bekannter an. Da musste ich innerlich schmunzeln. „Wie passend für einen Pastor“, dachte ich.
„Asche auf mein Haupt“, „in Sack und Asche gehen“, „Aussehen wie das Leiden Christi“ - am Aschermittwoch hat die Passionszeit begonnen. Diese Zeit hat unsere Sprache geprägt.
Nach den tollen Tagen des Karnevals, an dem man noch einmal verrückt spielen durfte, wird es jetzt ernst. Es geht schließlich um das Leiden Christi. Die Bibel erzählt in seinen Evangelien von den Ereignissen: Verrat des Judas, Abendmahl mit den Jüngern, die Nacht im Garten Gethsemane, Gefangennahme, Verhör, Verurteilung und Kreuzigung. Dieser Kreuzweg hat für Christinnen und Christen große Bedeutung. Gott lässt seinen Sohn Jesus Christus in die Abgründe unserer Welt hinabsteigen. Er leidet und stirbt wie Menschen leiden und sterben.
Eigentlich ist das eine schreckliche Geschichte. Doch es steckt etwas Gutes dahinter: Mitleid. Gott empfindet Liebe zu uns Menschen und leidet deshalb mit, wenn wir leiden.
Mitleid tut gut. Wenn ich höre „Du siehst ja aus wie das Leiden Christi“, dann muss ich nicht nur darüber schmunzeln. Ich spüre gleichzeitig, dass sich da jemand für mich interessiert. Er erkundigt sich, wie es mir geht, nimmt ernst, was mich belastet. Das tut mir gut und hilft mir, mein Leiden besser zu ertragen.
Vielleicht haben auch Sie schon einmal wohltuendes Mitleid erfahren. Oder Sie kennen andere Beispiele des Mitleidens. Besuche von einsamen und kranken Menschen bis hin zur Begleitung Sterbender gehören zur guten Kultur des Mitleids in unserer Gesellschaft. Menschen nehmen Anteil am Leben und Leiden anderer – jeden Tag.
Gottes Liebe und Mitleiden, wie wir sie im Kreuzweg Jesu Christi erkennen, ist dazu eine gute Motivation.
Jochen Grön
Pastor St. Marien, Wienhausen