Himmlische Energie

Salvador Dali. Pfingsten, 1964

Pfingsten 1946. „Die Russen haben die Kartoffelmiete freigegeben. Beeilt euch, wenn ihr noch welche abkriegen wollt!“ Wir kamen gerade aus der Kirche, meine Mutter, meine Schwester und ich. Mein Vater war noch in russischer Gefangenschaft.

Die Nachricht der Nachbarin elektrisierte uns. Zum Umziehen blieb keine Zeit. Los ging’s im Sonntagsstaat. Mutter und Schwester schnappten sich Körbe, ich kleiner Steppke trottete mit meinem Bollerwagen hinterher. Strahlende Menschen kamen uns entgegen, obwohl manche unter der Last keuchten. Kartoffeln! Endlich Kartoffeln! Zwar waren etliche angefroren, weil die Miete in den Nachkriegswirren nicht fachmännisch abgedeckt worden war, aber das machte nichts. Findige Nachbarn verarbeiteten die gefrosteten Knollen zu Schnaps. Kartoffelschnaps. Er muss grandios gewesen sein. Jedenfalls sagten das die Leute. Kartoffeln – ein Segen für die Küche: Kartoffeln und Steckrüben. Puffer in Fischöl. Himmel und Erde (für Nicht-Eingeweihte: Kartoffeln mit Äpfeln und Zwiebeln – in diesem Fall ohne Speck, denn den gab’s leider nicht). Welch eine Vielfalt mit einfachsten Mitteln!

Ein Pfingstfest mit so vielen begeisterten Menschen, dass ich mich heute, 60 Jahre danach, noch daran erinnere.

Pfingsten – Fest der Begeisterung

Vergangene Woche: Mehr als 8000 Fans sind begeistert vom Spiel Angolas gegen eine Celler Auswahl. Das Ergebnis ist nicht so wichtig. Was zählt, ist die heitere Stimmung bei diesem Fest der Begegnung. Hoffentlich bleibt uns diese friedliche Begeisterung während der ganzen Weltmeisterschaft erhalten!

Mehrere hunderttausend Menschen jubeln in Polen begeistert dem deutschen Papst zu. Das mag Gutes bedeuten für das Verhältnis zwischen Polen und Deutschen. Wir könnten es brauchen!

Und begeistert bestaunen ein paar Zig-tausend in Berlin den nigelnagelneuen „Hauptstadtbahnhof“ und feiern enthusiastisch seine Eröffnung mit Feuerwerk und Lasershow.

Begeistert sein auf vielfältige und durchaus unterschiedliche Art und Weise, mal lauter, mal verhaltener, mal für ein paar Augenblicke, mal für Stunden, Tage und Wochen; begeistert sein von einem Konzert, von einer Ausstellung, von einer Reise;  begeistert sein für einen Menschen, ein Vorhaben, eine Aufgabe – begeistert sein bringt voran, hilft dabei, die Welt positiv zu sehen, spornt an, Schwierigkeiten im eigenen Leben und auch in dem anderer Menschen zu beseitigen.

Allerdings gilt es zu unterscheiden zwischen blinder Begeisterung und erleuchteter Begeisterung. Auf die blinde können wir gern verzichten. Die führt ins Unglück, wie uns die deutsche Vergangenheit gelehrt – oder leider eben auch nicht gelehrt hat. Blinde Begeisterung führt in blinden Fundamentalismus, den national-sozialistischen wie den kommunistischen, in den christlichen wie den islamischen, den jüdischen wie den hinduistischen – und was es an Fundamentalismen mehr gibt. Begeistert kämpfen und sterben Menschen für Torheiten, die sie für der Weisheit letzten Schluss und den Schlüssel zur Lösung aller Probleme halten. Blinde Begeisterung, unaufgeklärter Fundamentalismus ist allemal ein Riesenunglück für unsere Welt.

Die Begeisterung von Pfingsten hingegen ist nicht dumpf, sondern hell, nicht blind, sondern sehend. Sie wird den Menschen geschenkt, trifft sie von außen, mitunter von oben wie im Pfingstbild von Salvador Dali. Das ist eine Begeisterung , die Leben erhält, die Liebe pflegt, die einschließt und nicht ausgrenzt. Diese Begeisterung schafft der göttliche Geist. Diese Begeisterung braucht die Kirche, und unsere Gesellschaft erst recht.

Begnadete Begeisterung

Jesu Nachfolger und Nachfolgerinnen sitzen hinter verschlossenen Türen, oder sie haben sich gar in die Provinz davon gemacht, seit Jesus gekreuzigt worden war. Angst beherrscht sie, Mutlosigkeit, Resignation. Und erst ganz langsam begreifen sie, was sie in den vergangenen drei Jahren mit Jesus erlebt hatten. Sie erinnern sich an seine Wundertaten, an seine großen Reden. Ihnen wird bewusst, dass sie sich eigentlich gar nicht so recht haben anstecken lassen von seinem Enthusiasmus für das Gottesreich, jenes Reich des Friedens, der Freiheit, der Liebe und der Gerechtigkeit. Zusammenhänge werden ihnen deutlich zwischen Jesus und den Propheten Israels, jenen kraftvollen Kämpfern für ein friedliches und gerechtes Miteinander. Jesus hatte deren Arbeit fortgeführt, radikaler, umfassender, energischer. Anders als sie hatte er mit seinem Leben bezahlt, wofür er eingetreten war. Aber war er wirklich tot? Lebte er nicht immer noch ständig mitten unter ihnen? Wirkte er nicht fort in ihren Köpfen und Herzen? Liegt es jetzt nicht an ihnen, seine Sache neu aufleben zu lassen?

Durchwachte Nächte voller Zweifel und Widersprüche, Tage voller Durchhaltewillen und auch voller Visionen haben sie bereit gemacht für das Hereinbrechen des göttlichen Geistes. Der kommt an Pfingsten mit aller Klarheit und Begeisterung über die Nachfolger Jesu. Kraftvolles Feuer bricht aus jener Welt in diese, regnet gleichsam aus den Höhen in ihre Niederungen. Die Funken durchschlagen auch die dicksten Schädel und setzen sich in ihnen fest. Und dann stehen sie auf, am Morgen des großen Festes mit dem Namen „Schawuot“, als Jerusalem voll ist von Menschen, die das Fest der Weizenernte feiern wollen, stehen auf und treten mutig ins Freie und reden überzeugend von Jesus und seiner Sache. Es beginnt nicht einfach „Pfingsten, das liebliche Fest“ (Goethe), sondern es beginnt „Pfingsten, das Fest der Kraft“, der unwiderstehlichen himmlischen Energie.

Salvador Dali malt das Pfingstbild, als er 60 ist. Nicht in der Sturm- und Drangzeit seiner Jugend, sondern nach Jahren wirrer Zweifel, nach Höhen und Tiefen, er malt als Erleuchteter, als Begeisterter. Die Köpfe der Apostel hat er nummeriert. Keiner darf fehlen am Fest der begnadeten Begeisterung. Nur wenn alle von den Flammen des Geistes erleuchtet und erfasst sind, kann die Sache Jesu Kontur und Schwung gewinnen.

Begeistert für das Leben

Den Nachfolgern Jesu ist zu Pfingsten ein Licht aufgegangen, sie durchschauen Zusammenhänge, die ihnen bis dahin nicht recht eingeleuchtet haben. Nach den Zeiten der Ratlosigkeit und des Rückzugs überkommt sie ein neues Gespür für erfülltes Leben. Ihnen kommen Worte über die Lippen, nach denen sie vorher vergebens gesucht hatten. Sie reden überzeugend. Es bildet sich spontan eine junge Kirche der Begeisterten. Und die versucht nicht nur überzeugend zu reden, sondern ebenso zu handeln. Jeder steuert zum Leben der Gemeinschaft bei, was er vermag. Begeisterte werden tätig zum Wohl anderer.

Da sind Menschen aus dem Landkreis Celle zum Beispiel angerührt von der Not ihrer Mitmenschen in den Gebieten Asiens, in denen der Tsunami gewütet hat. Und sie machen sich auf und helfen. Gegen alle möglichen Widerstände. Sie haben begriffen, dass sie der ferne Nächste hier im Landkreis etwas angeht. Sie sind ergriffen, sie sind „begeistert“.

Und da sind andere, die haben spontan begriffen, dass keiner den Menschen in den weglosen Bergen Pakistans hilft, wenn sie es nicht tun. Und sie finden Mittel und auch Wege, um den Ärmsten der Armen zu helfen. Das Leid anderer hat sie angerührt, und auch sie sind von der Möglichkeit, helfen zu können, regelrecht „begeistert“.

Wieder andere besuchen Menschen im Knast, hören ihnen zu, reden mit ihnen, versuchen zu helfen. Oder sie helfen Hungernden mit der Celler Tafel oder oder oder. Eine solche Begeisterung entspringt gewiss der eigenen Einsicht und bleibt doch auch Geschenk.

Bleibt uns die Bitte um diesen kostbaren Geist, um diese himmlische Kraft, damit sich die Nebel lichten und wir begeistert tätig werden, da wo wir leben, zugunsten des Lebens, zugunsten der Liebe, zum Wohl unserer Nächsten und zur Ehre unseres Schöpfers.

Dr. Otmar Schulz, Theologe und Publizist, lebt in Nienhagen-Papenhorst