„Als Martin noch ein Knabe war, da hat er gesungen…“ – Mühselig drückt er sich aus seinem Sessel hoch. Nimmt das denn gar kein Ende? Gestern war doch das Martins-Singen! - Er greift seinen Stock und geht mit langsamen Schritten aus dem Wohnzimmer. Nur gut, dass seine Tochter ihm soviel Bonbons vom Einkaufen mitgebracht hatte. Aber richtig ist das ja nicht, was die Kinder da machen – noch einen Tag später singen!<?xml:namespace prefix = o ns = "urn:schemas-microsoft-com:office:office" />
Er drückt auf den Lichtschalter im Flur. Als er Kind war, da sangen sie noch „Ein feste Burg ist unser Gott“. Das hatten sie in der Schule gelernt. Und Äpfel gab es und Nüsse. Und bei dem einen Nachbarn immer selbstgebackenen Pfefferkuchen.
Da, jetzt klingeln diese Gören auch noch. Können die denn nicht abwarten? Aber die wissen ja nicht einmal, dass am 10.November Mattenheern ist, weil das der Geburtstag von Martin Luther ist. Wie war das noch? Was hatte das Singen eigentlich mit dem Reformator zu tun? Sein Gedächtnis ließ ihn immer öfter im Stich.
„Als Martin noch ein Knabe war…“ Jetzt singen diese Blagen schon wieder! Sie sehen das Licht und denken, da muss doch was zu holen sein. „…da hat er gesungen, da ist er gesprungen vor mancher Leute Tür…“ Ach ja, jetzt fällt es ihm wieder ein. Als Junge hatte sich Martin Luther damit Essen und ein bisschen Geld verdient. Mit anderen zusammen sang er geistliche Lieder vor den Häusern der Leute. Jetzt kommt ihm sogar wieder der richtige Name dafür in den Sinn: Kurrende-Sänger, so nannte man die damals.
Trotzdem, was fällt den Kindern heutzutage eigentlich ein? Nur weil heute Martins-Tag ist, gehen die einfach noch mal los. Dabei kriegen die zu Hause bestimmt genug Süßigkeiten. Wir sind hier doch nicht im katholischen Bayern. Da ist das Singen ja heute, am 11.November, wegen dem Ritter St.Martin, der mit den Armen geteilt hatte. Darum ist ja heute auch Martinstag. Aber deswegen können die Kinder doch nicht bei uns schon wieder Mattenheern singen! Das geht doch nicht.
Schließlich ist er an der Tür, mit dem Öffnen verklingt der letzte Ton des Liedes. Drei Kinder mit selbst genähten Beuteln in der Hand schauen ihn erwartungsvoll an. Er erkennt sie sofort. Die sind aus dem Block gegenüber, erst vor kurzem sind die hierher gezogen. Wo kamen die noch gleich her? – Er versucht ein freundliches Gesicht zu machen, brummt ein „Habt aber schön gesungen…“ und packt jedem eine Handvoll Bonbons in den Beutel. Ein fröhliches „Vergelt’s Gott!“ und weg sind sie. Stimmt, kamen die nicht aus der Nähe vom Bodensee? Dann sind die doch wohl katholisch. Schwer-fällig setzt er sich wieder in seinen Sessel und nimmt die Zeitung. Dann ist es vielleicht doch richtig, wenn die heute erst singen, oder?
Axel Stahlmann
Pastor an St. Lamberti Bergen