
Da reiht einer den Theaterbesuch an einen Kurztrip nach New York, Mutters 80.Geburtstag an eine Vernissage - bei einem ausgebuchten und interessanten Arbeitstag wohlgemerkt -, und doch schmeckt ihm das Leben irgendwie fad. Eine andere lebt ein einfaches Leben. Hier einmal ein Nachbarschaftsbesuch, im Herbst fünf freie Tage in Cuxhaven, montags im Frauenkreis – das alles ist wenig spektakulär. Doch sie strahlt das Glück aus, dem der andere noch hinterher zu jagen scheint. Eine verkehrte Welt?
Es sind offenbar nicht die Aufsehen erregenden Erlebnisse, die ein Leben reich machen. Wenn uns Erlebnisse nachhaltig beeindrucken sollen, müssen wir sie in eigene Worte übersetzen. Erlebnisse müssen erinnert, bedacht und im Herzen gleichsam wiedergekäut werden. Nur so können wir Erlebnisse zu Erfahrungen ummodeln. Diese „Nacharbeit“ braucht Zeit und einen Rhythmus, der es ermöglicht, dass ein wunderschönes oder ein schweres Erlebnis auch nachklingen kann.
Darum erzählt Lukas in seinem Evangelium von zehn aussätzigen Männern, die eines verbindet: Sie alle wurden von Jesus geheilt. Ein Mann unterschied sich jedoch merklich von den anderen. Er kehrte nicht einfach zur Tagesordnung seines neuen Lebens zurück, nachdem ihm die Priester seine Gesundung attestiert hatten. Dieser eine Mann, berichtet Lukas, kehrte noch einmal zurück und dankte Jesus für die Heilung.
Ich bin mir sicher: Es war sein Erinnern und Innehalten, das ihn so handeln ließ. Schließlich besitzen auch die Worte „danken“ und „denken“ ein und dieselbe sprachliche Wurzel. Dankbarkeit als Grundhaltung im Leben führt zu einem erfahrungsreicheren und zufriedenerem Leben. Ein Event nach dem anderen, das ungedeutet und unbedacht bleibt und nicht nachklingen kann, versinkt schnell in der Bedeutungslosigkeit.
Zu meiner „Nacharbeit“ der letzten Wochen gehört ganz sicher die Erinnerung an den Urlaub mit der Familie, den Geschwistern und Neffen und Nichten. Am besten nehme ich die Organo- und Salbeizweige zu Hilfe, die noch auf dem Esstisch im Wohnzimmer liegen. Solange sie noch duften, will ich mich an die schönen Tage in der Toskana erinnern. Sonst verfliegen die Erlebnisse von Stille und Kinderlachen im Nu.
Uwe Schmidt-Seffers, Pastor in Nienhagen