Genug gewartet

Es ist zweiter Advent. Die alte Dame sitzt allein bei Kaffee und Kuchen am Tisch. Der Adventskranz hängt an dem alten Ständer, den schon ihre Mutter benutzt hat. Sie hat ihn so geschmückt, wie sie ihn aus ihrer Kindheit in Erinnerung hat: mit breiten roten Schleifen und Tannenzapfen. Es duftet nach Vanillekipferln und Lebkuchen – genau wie früher. 

Die Tür geht auf und Anna, ihre Enkelin, kommt unangemeldet zu Besuch. Vierzehn Jahre ist sie gerade geworden. Anna pflanzt sich aufs Sofa, knabbert Kekse und stöbert in einigen Zeitschriften. Plötzlich schaut sie auf und fragt: „Was ist los mit dir? Du sitzt nun schon die ganze Zeit regungslos am Tisch, isst nichts,  trinkst nichts, sagst kein Wort, tust überhaupt nichts. Du könntest ja wenigstens die Fransen an der Tischdecke zählen oder die Nadeln am Adventskranz.“ Annas Oma ist überhaupt nicht zu Späßen aufgelegt und antwortet mit einem abweisenden „Das verstehst du nicht“.

„Typisch Erwachsene“, wehrt sich Anna, „immer wenn sie uns Jugendlichen etwas nicht erklären wollen, behaupten sie, dass wir es sowieso nicht verstünden.“ Die alte Dame holt tief Luft: „Was meinst du, warum ich den Tisch so festlich gedeckt habe. Ich warte auf jemanden.“ „Und auf wen?“ fragt Anna neugierig zurück. „Auf meine Schwester Sabine“, sagt Frau Mertens mit Nachdruck, als könnte sie es selber nicht fassen. „Aber mit der bist du doch seit Menschengedenken verkracht“, weiß Anna. „Seit ihrer Hochzeit“, korrigiert die Großmutter. „Kommt doch aufs Selbe raus. Und warum soll die ausgerechnet heute hier erscheinen?“ „Ich hab ihr einen langen Brief geschrieben. Wir hätten damals nicht alle Kontakte zu ihr abbrechen dürfen, nur weil uns der Mann nicht passte, den sie heiratete. Früher habe ich mit meiner Schwester so schöne Weihnachtsfeste erlebt, deswegen drückt mich die alte Sache ganz besonders, wenn es wieder auf Weihnachten zugeht. Aber anscheinend hat sie mein Brief nicht beeindruckt.“

„Also, ich an Tante Sabines Stelle wäre auch nicht zu dir gekommen. Ist das nicht ein bisschen viel verlangt. Du hast doch was wieder gut zu machen.“  Die alte Dame kann die Tränen kaum unterdrücken.

“Genug gewartet“, sagt Anna schließlich und reicht ihr die Hand, damit sie besser aufstehen kann. „Wir beide packen jetzt den Kuchen ein, kaufen einen Strauß Blumen und gehen zu Tante Sabine.“

Recht hat sie! Sich selber aufzumachen ist allemal besser, als immer nur auf Frieden und Versöhnung zu warten – nicht nur im Advent.

Schulpastorin Elke Drewes-Schulz, Nienhagen-Papenhorst