Von Narren und Propheten

Auch hier bei uns im Norden hält der Karneval an diesem Wochenende wieder Einzug in Vereine und Festsäle. Aus vielen Dörfern ist das muntere Treiben der Narren nicht mehr wegzudenken.

Schon im antiken Rom gab es  farbenprächtige Umzüge und öffentliche Gelage, wo jeder frei reden durfte. Sklaven und Herren tauschten für wenige Tage die Rollen, bis schließlich jeder wieder an seinen angestammten Platz in der gesellschaftlichen Rangordnung zurückkehrte.

Im Rahmen dieser staatlich gebilligten Tage konnten jene antiken Bütten-Redner ungestraft vom Leder ziehen, himmelschreiende Ungerechtigkeiten beim Namen nennen und sich lustig machen über die Extravaganzen ihrer Herrscher und Unterdrücker.

Auch die mittelalterlichen Narrenfeste spiegelten und karikierten die damaligen Herrschaftsverhältnisse. Kirchliche Würdenträger wurden ebenso parodiert wie die für das einfache Volk unverständliche lateinische Messe. Die Umzüge erinnerten an kirchliche Prozessionen, und mancherorts wurde für die Zeit ein Kinderbischof gekürt, nicht um "Kinder an die Macht" zu bringen, sondern um für kurze Zeit die Verhältnisse einfach auf den Kopf zu stellen.

Die Kirche duldete das respektlose Treiben, deutete es sogar als beispielhafte Darstellung der Herrschaft des Teufels, der mit dem Aschermittwoch der Garaus gemacht wurde, denn dann begann die Herrschaft Gottes und ein Leben in vermeintlich geregelten Bahnen.

Aus der Sicht der Herrschenden waren Narrenfeste ein weises Zugeständnis an ein Volk, das sonst nichts zu lachen hat. In seinen Ursprüngen ist der Karneval also eine Art Ventil, das dem Volk einmal im Jahr die Möglichkeit gibt, Dampf abzulassen.

Weniger Narrenfreiheit besaßen alttestamentliche Propheten. Trotzdem nahmen sie kein Blatt vor den Mund. Da gibt es einen, der verkündet öffentlich: "Herunter mit der Krone!  Nichts soll bleiben wie es ist." Und ein anderer wagt es, den verschwenderischen Luxus der Herrschenden anzuprangern und die Damen der feinen Gesellschaft als Kühe zu titulieren. Ähnlich wie die Narren, werden auch die Propheten von den einen verlacht und von den anderen gefürchtet. Egal ob Narr oder Prophet, wer Unrecht beim Namen nennt, hat Gott auf seiner Seite.

Gott-sei-Dank haben sich die Verhältnisse geändert. Freie Meinungsäußerung und soziale Gerechtigkeit  werden nicht mehr abgetan als Narrenweisheit  und zeitlich begrenztes Karnevalsvergnügen. Geblieben ist sicher der Anspruch, Kritik an "denen da oben" zu üben.

Eine Auszeit im Trott und Trubel des Jahres ist der Karneval immer noch - jedenfalls da, wo er traditionell gefeiert wird. Und immer noch bietet guter Karneval die Gelegenheit, über bitterernste Dinge mal herzhaft lachen zu können.

 

Pastorin Elke Drewes-Schulz,

Nienhagen-Papenhorst