Ein anderer Kyrill

Kyrill hat uns Donnerstag durchgepustet. Kyrill hieß der Orkan, der über Deutschland hinwegstürmt. Mein Schirm fing den Sturm wie ein Segel ein. Ich musste geschickt jonglieren, um einigermaßen über den Markplatz zu finden, ohne mit anderen Seglern zusammenzustoßen. Entwurzelte Bäume, überschwemmte Straßen, gestoppte Züge, tieffliegende Dachpfannen. Was für eine Ironie, dass der Name Kyrill wörtlich übersetzt „der Herrliche“ heißt. 

Der Name ist selten bei uns; anders in Osteuropa. Das liegt daran, dass vor gut 1000 Jahren dort ein Kyrill gelebt hat, der nicht die Schrecken des Orkans verbreitete. Er brachte den frischen Wind der Erneuerung – ein Modernisierer. Er erzählte von Jesus, von der Krippe und dem Kreuz  und sprach so, dass die Menschen ihn verstanden. Er sprach Slawisch und übersetzte die Bibel und die Gebete der Kirche ins Slawische: Die Magd mit dem Obstkorb konnte ihn ebenso verstehen, wie der Müller mit der weißen Schürze vor dem Bauch.

„Was ist denn das für ein neumodischer Kram“ sagten zur gleichen Zeit deutsche Bischöfe: „Die Leute müssen doch nicht selbst verstehen, worum es in der Bibel geht. Dafür sind wir schließlich da: die Kirchenfürsten! Wir erklären ihnen schon, was sie glauben sollen!“

Mit solch einer Überheblichkeit hat noch nie jemand einen Blumentopf gewonnen, geschweige denn das Zutrauen eines denkenden Menschen. Ich kann mir einen Glauben an Gott gar nicht vorstellen, ohne dass ich selbst denke! Ich will verstehen, worum es geht. Das lass ich mir nicht nehmen.

Schade, dass nach dem Tod des stürmischen Kyrill der Papst und die meisten Bischöfe eilig zurückruderten: „Die Menschen müssen die Geschichte von Jesus nicht in ihrer eigenen Sprache verstehen!“ Es war nur ein vorübergehender Sturm der Erneuerung gewesen, der durch die Kirche des Mittelalters fegte und nur im Osten Spuren hinterließ. Es sollte noch Jahrhunderte dauern, bis Martin Luther und andere europäische Reformer weiter westlich diese Idee erneuerten.

Immerhin sind die Spuren von Kyrill im Osten Europas bis heute zu spüren. Sollten Sie zum Sommerurlaub nach Böhmen oder Bulgarien fahren oder eine Städtetour nach Prag oder Petersburg machen, treffen sie vielleicht einen Busfahrer, der sagt: „Hallo, ich heiße Kyrill!“ Dann erinnern sie sich an diesen erfrischend stürmischen Kyrill und nicht nur an den verheerenden Sturm im Januar.

                                                                                                         Volkmar Latossek                                                                                                        Pastor der Stadtkirche