Die Kirche lernt laufen

"Schade, dass der Mai vorüber ist!" sagt meine Kollegin und schaut dabei gedankenversunken in ihren Kalender. Beim Blick aus dem Fenster könnte sie immerhin feststellen, dass es endlich aufgehört hat zu regnen.

"Guck dir mal da draußen die Rhododendron-Büsche an und die Rosen und das ist erst der Anfang. Der Sommer kommt doch erst noch mit seiner ganzen Blütenpracht", versuche ich sie von der Attraktivität des Junis zu überzeugen. Doch sie vertieft sich nur noch mehr in die Lektüre des Kalenders.

"Im Juni gibt es keine Feiertage wie im Mai. Vor allem diese Brückentage, die uns gleich ein paar mal Kurzferien bescherten, waren doch genial!" gerät sie ins Schwärmen.

Zu Recht. Mit Ostern kommt Bewegung in die Christenheit. Das merkt man schon an den folgenden Feiertagen: Christi Himmelfahrt und Pfingsten.

"Was feiert die Kirche eigentlich nach Pfingsten?" will meine Kollegin wissen.

"Na, Trinitatis!"

"Was bitte?" fragt sie zurück, so dass ich das Gefühl habe, mich für den Namen entschuldigen zu müssen:

"Der Sonntag Trinitatis hat wie viele andere Sonntage im Kirchenjahr einen lateinischen Namen. Das bedeutet leider oft auch, dass er weniger bekannt und weniger volkstümlich ist, obwohl fast ein halbes Jahr lang alle folgenden Sonntage nach ihm benannt werden.

An Trinitatis feiert die Kirche die Dreieinigkeit Gottes. Sogar geübte Gottesdienst-Besucher tun sich schwer mit diesem abstrakten Zahlen-Begriff. Und bei Nichtchristen führt er oft zu großen Missverständnissen. Wir hätten neben Gott noch Christus und den Heiligen Geist als weitere Götter, was natürlich nicht stimmt.

Die Dreieinigkeit ist aus der Glaubenserfahrung derer geboren, die nach Ostern die Sache Jesu nicht sterben lassen wollten. Seine Liebe, seinen Frieden und seine Gerechtigkeit weiter erlebbar zu machen, sahen sie als ihre von Gott gewollte Aufgabe an.

Mit Jesus hatten sie Gott, den sie immer nur über sich wähnten, plötzlich ganz menschlich nah neben sich als Lebensbegleiter gespürt. Pfingsten dann haben sie gemerkt, dass Gott in jedem einzelnen Menschen wirkt und ihn befähigt, Gottes Liebe in die Welt zu tragen.

Dreieinigkeit beschreibt also den einen Gott, der über, neben und in uns ist. Pfingsten ist die Kirche geboren und mit Trinitatis fängt sie an, auf eigenen Beinen zu stehen. Sie muss laufen lernen und selbst den richtigen Weg entdecken. Das braucht Zeit", erkläre ich meiner Kollegin.

"Und Geduld", ergänzt sie und klappt ihren Kalender zu.

 

Schulpastorin Elke Drewes-Schulz,
Nienhagen-Papenhorst