"Lasst die Kirche im Dorf!"

Ein Hannoveraner kommt zum ersten Mal in ein Dorf unseres Landkreises. Er will dort einen neuen Kollegen besuchen. Sein Auto hat noch kein Navigationsgerät. So muss er sich auf die Wegbeschreibung verlassen, die ihm sein Kollege mit auf den Weg gegeben hat: „Du fährst bis zur Kirche, dahinter biegst du gleich rechts ab, die nächste links und dann….“ <?xml:namespace prefix = o ns = "urn:schemas-microsoft-com:office:office" />

Die Kirchgebäude in unseren Dörfern sind echte Wegweiser. Meistens im Zentrum des Ortes gelegen, sind sie auch für Ortsunkundige leicht zu finden. Und bei manchen Kirchen hat man das Gefühl, als wenn sich die umliegenden Häuser alle um sie gesammelt hätten, um sich an ihr zu orientieren. So ist seit vielen Jahrhunderten das Christentum zum sichtbaren Mittelpunkt vieler unserer Dörfer geworden; der mächtige Bau als steingewordenes Symbol des Glaubens.

Bis heute verbinden sich für ganz viele Menschen mit dem Kirchgebäude wichtige Teile ihrer Lebensgeschichte: Taufe und Konfirmation, die Trauung, die Taufe der Kinder oder Enkel, inzwischen auch die Einschulung und manches mehr. Und ich kenne einige Menschen, die zwar selten oder gar nicht zum Gottesdienst gehen; für die ein Ort ohne Glockengeläut aber undenkbar wäre.

Dennoch ist heute das Verhältnis von Dorf und Kirche längst nicht mehr so einfach, wie es früher einmal war. Mancherorts tut sich gar ein garstiger Graben auf und man hört schon Stimmen laut werden: „Lasst endlich wieder das Dorf in die Kirche!“

Es ist so: In alten Kirchen ist die Luft oft stickig. Und darum täte es mancher unserer Kirchen sicher gut, wenn Türen und Fenster weit geöffnet würden, um frische Luft herein zu lassen. Und wenn dann vom gerade gedüngten Acker die herbe Landluft mit hinein zieht, dann ist das das wirkliche Leben. Und womöglich weht ja auch in diesen strengen Winden noch der Heilige Geist….

Die Kirche braucht das Dorf und das Dorf braucht die Kirche. Sie gehören zusammen so wie der Acker und der Pflug, wie der Frühling und das Zwitschern der Vögel, wie der Schützenverein und das Schützenfest …

Wie gut, wenn Menschen das noch wissen und auch spüren können. „Das ist unsere Kirche.“ Und noch besser, wenn auch die so fühlen, die sonntags nicht oder eher selten zum Gottesdienst gehen. „Ich bin ein Teil dieser Kirche, und diese Kirche gehört zu meinem Leben.“ Und wenn diese Menschen, die Kommunalpolitik und die Vereine im Dorf sich – zusammen mit Pastoren und Kirchenvorständen - dafür verantwortlich fühlen, dass die Kirche im Dorf bleibt.

„…dann noch einmal wieder links. Und das zweite Haus auf der rechten Seite das ist es. Wir haben die Haus Nummer 4.“ Er ist an seinem Ziel angekommen. Gott sei Dank, dass es die Kirche im Dorf gibt, an der man sich orientieren kann.

                                  Axel Stahlmann

                                  Pastor an St. Lamberti, Bergen