"Szenenwechsel"

Jochen Grön ist Pastor in Wienhausen und Beauftragter für Diakonie im Kirchenkreis

Mit weichen Knien stand ich im Foyer des Gemeindehauses. Mir blieb kaum Zeit mich umzusehen. Denn schon stürmte ein Mädchen auf mich zu, rief laut „Hallo!“ und gab mir einen dicken Kuss auf die Wange. Ich war berührt von dieser Sympathiebekundung – wusste nur nicht, ob angenehm oder unangenehm

Ich war 17 Jahre alt, als ich meine erste intensive Begegnung mit einem geistig behinderten Menschen hatte. Eine Freizeitwoche des Kirchenkreisjugenddienstes sollte diese Begegnung ermöglichen.

Nach der stürmischen Begrüßung wollte ich am liebsten wieder nach Hause. Doch schnell hatten sich die behinderten Jugendlichen an uns unsichere und steife „Normalos“ gewöhnt. Vertrauen und Freundschaft wuchsen schnell.

Vieles, was neu und fremd ist, flößt uns Respekt ein: nach dem Umzug das erste Mal bei den neuen Nachbarn klingeln und sich vorstellen oder beim Urlaub im Ausland in einer fremden Sprache eine Bestellung aufgeben. Auf das Fremde zu zugehen, kostet ein gutes Stück Überwindung und ist eine aufregende Sache.

Aufregend wird die nächste Woche für zehn junge Frauen aus Celle und Umgebung. Die 14 bis 17-Jährigen machen mit beim „Szenenwechsel“. Das Gemeinschaftsprojekt von Diakonie und evangelischer Jugend will junge Leute dazu motivieren, einmal etwas ganz Neues kennen zu lernen. Und so machen die Teilnehmerinnen fünf Tage lang Praktikum in diakonischen Einrichtungen wie der Bahnhofsmission, Lobetal, der Essenszeit, dem Kalandhof und verschiedenen evangelischen Kindertagesstätten.

Da wird den Jugendlichen am Anfang manches fremd sein bei ihren ersten intensiven Begegnungen mit Durchreisenden, Behinderten, Armen, Obdachlosen und Kindern. Doch die fremde Welt wird sich ihnen schnell öffnen, so dass Vertrauen wachsen kann.

Respekt vor diesen jungen Frauen, die eine Woche ihrer Schulferien für diesen Szenenwechsel opfern! Sie tun genau das, wovon sich die Kirche seit Jahrhunderten herausgefordert fühlt: im Fremden den Nächsten und in jedem das von Gott geliebte Menschenkind zu entdecken.

Jochen Grön
Pastor St. Marien Wienhausen,
Beauftragter für Diakonie im
Ev.-luth. Kirchenkreis Celle