Ehe - "einer hilft euch!"

„Ihr seid so richtig ein Paar für’s Alter“, hatte ein Freund gesagt, irgendwann in diesen Tagen vor ihrer Silberhochzeit. Ehrlich gesagt, wer sie kannte, hatte sich schon damals gefragt, weshalb ausgerechnet sie beide sich gefunden hatten: Sie temperamentvoll und stundenlange Telefonate, er norddeutsch-ruhig und zehn Jahre älter. Sie sehr bewegt von ihrem Glauben, den sie kurz zuvor erst wiederentdeckt hatte, er an diesem Punkt verhalten. Und zwei Jahre nach der Hochzeit saßen sie beide schon im Auto auf dem Weg zum Rechtsanwalt, um dann doch die Kanzlei nicht zu betreten, warum auch immer. Trotzdem, ihre Ehe war ein täglicher Kampf, aneinander festzuhalten und manchmal auch nur, den anderen wieder zu ertragen als den, der er war. Dass nach drei Jahren der Junge kam, hatte daran nichts geändert.

Jeder weiß, wie gefährlich das ist. Da muss nur dem einen jemand begegnen, der in ihm weckt: „Mit dir wäre ich glücklich! Wenn ich dich gehen lasse, zieht das Leben an mir vorbei!“ Aber sie hatten Glück, so jemand kam nicht, für beide nicht. Vielleicht hätten sie es sonst nicht geschafft. Stattdessen sagt sie heute: „Wie sehr habe ich mir gewünscht, ihn verändern zu können – aber eins weiß ich jetzt: Wenn er ja gesagt hat, meint er ja.“ Und er in seiner trockenen Art: „Es ging nicht mühelos, aber wir haben es beide so gewollt.“

Muss das sein: „… bis der Tod euch scheidet“? Oder wäre nicht die Zeit-Ehe, befristet auf sieben Jahre und Fortsetzung nur bei ausdrücklichem Wollen von beiden, der menschlichere Weg? Man weiß ja von Ehen, die die Hölle waren und deren Trennung vielleicht der einzige Weg war, noch etwas zu retten. Nicht zuletzt Jesu größtes Wort gegen die Moralapostel aller Zeiten: „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein“ (Johannes 8,7).

Aber über das Auf und Ab der Gefühle, über Gelingen und Scheitern hinaus leuchtet aus der Ehe eine Möglichkeit hervor, die steht für die tiefsten Gründe des Lebens: Dass es in einer Welt, in der wir uns unentwegt beweisen müssen, möglich ist, bedingungslos liebgehabt zu werden. Und dass unser Leben aus Quellen schöpft, die sprudeln noch, wenn sich unsere Erotik und unser Gefühl schon verbraucht haben. Für Christen ist Ehe viel mehr als nur ein in glücklichen Zeiten geschlossener Pakt. Wie oft ist sie nur dazu da, sich von Gottes Liebe wieder wachküssen zu lassen – und erstaunt auf Liebe zu stoßen, die unterwegs neu geschenkt, nicht mitgebracht war.

Sie hätten beide beim Vorbereiten ihres Festes erst wieder gemerkt, wie tief sie sich einig waren, erzählt die „Silber-Braut“. Sie hätte diesen Punkt nie erreicht ohne die Endlos-Telefonate mit ihrer besten Freundin in all den Jahren, und ohne die Gebete einiger Mitchristen auch nicht. Davon ist sie überzeugt. Was ihm in dieser Zeit geholfen hat, behält er für sich; er ist nicht der Typ, über so etwas viele Worte zu machen. Aber beide fanden, an ihrem Silberhochzeitstag sei es ihr Trauspruch wert, noch einmal zur Sprache zu kommen: „Alles, was ihr bittet in eurem Gebet, glaubt nur, dass ihr’s empfangt, so wird’s euch zuteil“ (Markus 11,24). So war’s ja, wenn auch irgendwie ganz anders.

Michael Wohlgemuth,

Pastor in Klein Hehlen

e-mail: michael.wohlgemuth(at)evlka.de