Sieben Wochen großzügig sein

In diesem Jahr feiert die evangelische Fastenaktion „7 Wochen ohne“ ein kleines Jubiläum: Vor genau einem Vierteljahrhundert wurde sie ins Leben gerufen, um einen alten Brauch der Passionszeit für die evangelischen Christen neu zu beleben. Klar – es gibt auch heute noch Kritiker, die milde lächeln. Fastenzeit? Sieben Wochen ohne Fleisch, ohne Alkohol, Sex und Gummibärchen, spottete einer am Aschermittwoch: Das muss nicht sein! 

Nein, sauertöpfische Mienen und bitterernste Asketen sind auch nicht nach meinem Geschmack. Die Welt wird nicht besser, wenn ich mein  Auto in der Garage lasse, und ob´s der Gesundheit wirklich hilft, wenn ich auf das Glas Rotwein verzichte?

Fasten hat für mich eher etwas Spielerisches, ja etwas Leichtes. „7 Wochen ohne“ ist für mich Ausnahmezeit auf Probe. Es geht nicht um „weniger Kalorien“, sondern um mehr Freiheit und Glück. Ich denke an die Wochen in der Adventszeit, sie liegen noch nicht lange zurück. Weil wir diese Zeit wirklich „anders“ erleben wollten als sonst, haben wir in der Familie verabredet, dem Fernseher eine vierwöchige Pause zu gönnen. Kurzerhand wurde er in den Keller verfrachtet. Am Anfang haben die Kinder sich gewehrt, und mein abendlicher Griff zur Fernbedienung ging auch ins Leere, ein komisches Gefühl. Aber nach drei Tagen nahmen die Entzugserscheinungen ab. Ich bilde mir ein, dass wir in diesen Wochen mehr miteinander geredet haben, die Kinder hatten mehr Zeit zum Spielen – und ehrlich gesagt: Sehr viel uninformierter sind wir Erwachsenen in diesen Wochen wohl auch nicht gewesen.

Es geht also beim Fasten nicht um „weniger“ an sich, sondern allenfalls um „weniger“, damit unter dem Strich ein Zugewinn spürbar wird.  Diesen Aspekt des Fastens haben die Verantwortlichen von „7 Wochen ohne“ in diesem Jahr provozierend herausgestellt. Sie rufen nämlich zur „Verschwendung“ auf und regen an, „großzügiger“ zu sein. Mir gefällt dieser Ansatz: Sieben Wochen verschwenderisch freundlich sein, auch an der Kasse im Supermarkt. Jemandem großzügig einen Fehler nachsehen und nicht immer blöde nachkarten. Zeit haben für einen small-talk mit einem wildfremden Menschen auf dem Markt. Nicht nach der kleinsten Münze im Portemonnaie suchen, sondern dem Penner vor Karstadt einen Schein in die Mütze werfen. „Aufmerksamer“, „bewusster“, „spendabler“ in allen Lebensbelangen sein, das wär´s doch!

Wenn die Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa stimmt, der zufolge jeder fünfte Deutsche an der Fastenaktion „7 Wochen ohne“ teilnimmt , müssten wir die zunehmende Großzügigkeit unter uns spüren. Ich bin gespannt auf diese Wochen vor Ostern.

Uwe Schmidt-Seffers, Pastor in Nienhagen