Diese Frage würde ich gerne Klaus Zumwinkel stellen. Dem Postchef wird vorgeworfen, dem Finanzamt 1 Million Euro vorenthalten zu haben, indem er Geld in eine Liechtensteiner Stiftung eingebracht hat. Jedes Mal, wenn solche Fälle öffentlich werden, frage ich mich, was Männer dieser Gehaltsklasse wohl dazu bringt, neben dem regulären Verdienst auch noch illegal Vermögen anzuhäufen. Steigt die menschliche Gier proportional zum Einkommen?
Zumwinkel erhält jährlich mehrere Millionen aus seinen verschiedenen Posten und war bereits vor über 30 Jahren Millionär, als er die väterliche Handelskette verkaufte. Das Geld sei ihm gegönnt. Ich möchte seinen Job nicht machen, diese enorme Verantwortung tragen. Was mich erschrickt, ist die Meldung in den Nachrichten, dass der Fall Zumwinkel nur die Spitze eines Eisberges sei. 600 weitere Spitzenmanager – eine unglaubliche Zahl – müssen angeblich in nächster Zeit mit einer Steuer-Razzia rechnen. Stimmt es also doch, dass Geld der Charakter verdirbt?
Für Jesus aus Nazareth besaß das Geld jedenfalls eine Kraft, die eine deutliche Tendenz zur Zerstörung in sich trägt. Sehr einseitig sprach Jesus vom „ungerechten Mammon“. Dieses hebräische Wort ist vermutlich mit dem Begriff „Amen“ verwandt – das, worauf man traut. Geld hatte für Jesus somit etwas Religiöses. Und wo Religion ist, ist der Missbrauch von Religion nicht weit entfernt, mit einer alten Vokabel gesagt: Es lauert der Götzendienst.
Was der Fall Zumwinkel uns (erneut) lehren kann? Geld, viel Geld, kann Menschen krank machen und das tückische „Mehrfieber“ auslösen. „Hast du die erste Million, willst du die zweite, hast du zehn Millionen, willst du zwanzig …“ Bald geht es, vom Mehrfieber gepackt, nicht mehr darum, den Lebensstandard zu erhören, es geht ausschließlich darum, mehr Geld zu „haben“. Zumwinkel ist darum nicht nur ein Fall für die Steuerbehörden. Er hat auch einen guten Seelsorger nötig.
Noch einmal Jesus von Nazareth: Er ruft nicht dazu auf, alle Geldwirtschaft abzuschaffen. Weder in seiner noch in unserer Situation wäre das eine realistische Forderung. Wir können die Welt nicht auf einen Schlag ändern. Aber wir können uns „Freunde mit dem ungerechten Mammon schaffen“, sagt Jesus. Wir können Beziehungen stiften und Menschen befähigen, dass sie ein würdiges Leben führen können. Der Psychologe Erich Fromm hat vor vielen Jahren das Programm Jesu aus den Punkt gebracht: Mehr „sein“ als „haben“. Geld für andere Menschen einzusetzen, ist nach diesem Verständnis keine lästige Pflicht, sondern ein wirkliches Privileg.
Verdirbt Geld den Charakter? Ich sträube mich gegen diese Gleichung, weil sie einem Menschen keinen Handlungsspielraum mehr zubilligt. Ich bin mir aber sicher, dass ein Mensch sehr viel Charakter braucht, um nicht vom Geld verdorben zu werden.
Uwe Schmidt-Seffers, Pastor in Nienhagen
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