Ich spüre deine Flügel wachsen

Der kleine Sebastian hatte nicht mehr lange zu leben. Als der Tod sichtbar näher rückte, kam der Arzt täglich ins Haus. Behutsam tastete er den geschundenen Körper ab. „Ich spüre deine Flügel wachsen“, erklärte er dem Jungen, fast beiläufig, als sei es die normalste Sache der Welt, dass einem Menschen Flügel wachsen, wenn er die Welt verlassen muss. 

In diesem Moment hatte der Arzt mehr gesagt, als ihm seine ärztliche Kunst erlaubt. Allein auf seine Wissenschaft bezogen, hätte er über maligne Lymphome und Leukozyten sprechen können – aber nicht über das Wachsen von Engelflügeln. Trotzdem hat er diesen Satz gewagt. Ich vermute, der Arzt wusste, dass am Bett eines Sterbenden eine andere Wahrheit zählt als die sagbare Wahrheit, die sich unter wissbaren Fakten duckt.  

„Du kannst ohne Angst aus diesem Leben gehen, weil du auf die Seite der Engel Gottes trittst.“ Wer so redet, redet ungesichert. Er erklärt nicht. Er setzt sich sogar dem lächelnden Spott derer aus, die fragen, wo denn dieses gelobte Land sei, in dem die Leichtigkeit der Engel den Schmerz verweht. Und es stimmt sogar: Die Sprache des Glaubens nimmt den Mund voll, denn sie weigert sich, im Meer der eigenen Kargheit zu ertrinken. Die Sprache des Glaubens ist unbescheiden, weil sie sich herausnimmt, nicht zu verzweifeln.  

Menschen üben sich in diese gewagte Sprache ein, wo Schmerz die Sehnsucht nach Leben weckt. Aber nicht nur der Trost lässt uns mehr sagen, als unser aufgeklärter Verstand erlaubt. Auch das Glück macht uns unbescheiden und hungrig. Wer keine Musik kennt, der entbehrt nichts, wenn er sie nicht hat. Wer aber Musik kennt, leidet, wenn er sie nicht hört.  

Der Glaube ist schlechter Buchhalter. Er bilanziert nicht und sagt nicht nur, was man bei vernünftiger Kalkulation erwarten kann. Er wagt die Hoffnung, dass einmal die Tränen getrocknet werden und die heimatlos Herumirrenden ein Zuhause finden. Der Glaube gibt sich einfach nicht zufrieden mit dieser von Unbarmherzigkeit und Unrecht durchpflügten Welt. Und er riskiert die Hoffnung, dass wir an der kleinen Schönheit den Hinweis auf die große Schönheit entdecken.  

Ich spüre deine Flügel wachsen.“ Mit diesem Satz konnte Sebastian sterben.

Uwe Schmidt-Seffers, Pastor in Nienhagen