Faschingsmuffel und Fastengegner

Von Karneval und Fasching ist hier nicht viel zu spüren. Zögen die Kinder nicht maskiert zur Schule – es wäre ein Tag wie jeder andere. Ausgelassenes Treiben ist vor allem im Süden angesagt, von Köln über Düsseldorf nach Mainz und Basel.   

Es wird gegessen, getrunken und gefeiert ohne Maß. Frauen und Männer verstecken sich hinter Masken, weil sie das Gegenteil von dem leben wollen, was sie Tag für Tag tun. Endlich einmal frei sein, geschützt hinter einer Maske die Maske der Anständigkeit fallen lassen und erkennen, wie einseitig man sonst lebt. Endlich einmal den Schalk herauslassen, der sonst ein kümmerliches Dasein in uns fristet. Das ist Karneval. 

Das Wort kommt wohl vom Lateinischen „Carne vale“ und wird mit „Leb wohl, Fleisch“ übersetzt. Das bunte Treiben bekommt also seine Kraft durch die Aussicht auf den kommenden Verzicht, denn mit dem Aschermittwoch beginnt die vierzigtägige Vorbereitungszeit auf das Osterfest. Die große Weisheit der christlichen Tradition besteht darin, beide Zeiten zu leben und den Übergang vom Karneval zum Aschermittwoch zu begehen.  

Wer sich auf fleischlose Kost einstellt oder anderen Verzicht üben will,  kann vorher noch einmal genießen, richtig feiern, ohne Grenzen, ohne Rücksicht auf die Besserwisser, die einem alles vorschreiben, was man tun darf.  Der Aschermittwoch treibt die Feiernden an. Doch um Mitternacht endet das bunte Treiben mit dem Kehraus. Ganz abrupt. Alles wird ausgekehrt, was an Faschingsschmuck an den Wänden hängt. Das innere Durcheinander wird ausgekehrt, der Frühjahrsputz für die Seele beginnt. Von einem Augenblick auf den anderen Strenge nach der Ausgelassenheit, Leere nach der Fülle, Askese nach dem Feiern.  

Dieser Wechsel hat einen tiefen Sinn: Auch das Feiern braucht ein Ende, sonst wird es schal. Feiern und Fasten, Verzichten und Genießen gehören in Wahrheit zusammen. Ausgelassenheit und Disziplin, Weite und Enge, Überfluss und Mangel, all das macht den Menschen erst ganz.

Der Faschingsmuffel leugnet doch seine Ausgelassenheit, er verlernt, sichzu vergessen, er weigert sich, über seine Grenze zu gehen, er gerät nie in Ekstase. Der Fastengegner leugnet aber die andere Seite in sich: Er erprobt nie, was in ihm steckt. Er wird sich nie frei fühlen, denn es gehört zur Würde des Menschen, kein Getriebener seiner Wünsche und Lüste zu sein. Die Extreme berühren sich, sagen die Franzosen: Darum sind Faschingsmuffel und Fastengegner ziemlich gleich. Sie leben nur einen der beiden Pole in sich.

Heute wollen wir immer nur eines, entweder wahllos essen oder nur vegetarisch; immer nur Askese oder immer Vergnügen. Alles Übermaß ist aber vom Teufel, sagen die Mönche. Wer beides kann, feiern und fasten, wer den Sinn spürt von Karneval und Aschermittwoch, der lernt, Mensch zu werden.

Uwe Schmidt-Seffers, Pastor in Nienhagen