Miserikordien – Barmherzigkeit im Alltag

Ein breites Grinsen im Gesicht, die Beine gekreuzt, die Hände auf die Knie gestützt, als wolle er gleich aufspringen. Der „Lauermann“ befindet sich an verborgener Stelle im Kölner Dom. Im Chorgestühl mittelalterlicher Klöster und Kathedralen, auch in unserer Stadtkirche, finden sich verdeckt unter den Klappsitzen ungewöhnliche Schnitzarbeiten. Eigentlich sind sie nicht zu sehen. Erst wenn die Sitze hochgeklappt werden, treten sie in Erscheinung. Erst dann wird auch ihre Funktion deutlich:

Das Stundengebet durften die Mönche des Mittelalters nicht im Sitzen absolvieren. Vor allem den Älteren unter ihnen wurde das lange Stehen zur Qual.

Die barmherzige Kirche wusste, dass der Geist ihrer Diener willig, das Fleisch aber schwach war. Daher hatte man die oberen Ränder der Klappsitze so verbreitert, dass die Mönche sich unauffällig darauf abstützen konnten. Das entlastete die Beine im langen Stehen. Die oft kunstvoll verzierten Konsolen, nennt man daher Miserikordien. Das kommt von dem lateinischen Wort „misericordia“ und bedeutet „Mitleid" oder „Erbarmen".  

Miserikordien, unauffällige Zeichen von Barmherzigkeit im Alltag. Wir haben keinen Anspruch auf sie, aber wir brauchen sie.  

In der Fußgängerzone sitzt ein alter Mann auf dem Boden. Ungepflegt ist er und auch nicht ganz nüchtern. Vor ihm liegt sein umgedrehter Hut. Ein Mädchen geht an der Hand des Vaters vorbei, ihr Blick bleibt an dem Obdachlosen hängen. Sie bleibt stehen, zieht den Vater am Ärmel. Der gibt ihr ein paar Münzen. Sie  läuft zu dem Hut, wirft die Münzen hinein, lächelt seinen Besitzer kurz an und läuft weiter.  

Neulich Abend im Supermarkt. Auf dem Weg zu einem Termin fällt mir ein, dass ich vergessen habe, Brot zu kaufen. Leicht gehetzt und ein bisschen außer Atem erreiche ich die Kasse. Da steht eine Frau neben ihrem gefüllten Einkaufswagen und sagt: „Gehen Sie ruhig vor. Sie haben es eiliger als ich.“ 

Miserikordien, unauffällige Zeichen von Barmherzigkeit in unserem Alltag. Wir haben keinen Anspruch auf sie und doch brauchen wir sie. Sie machen das Leben erträglich bis lebenswert. 

Gabriele Ahnert-Sundermann, Pastorin in Klein Hehlen 

 

 

 

 

 

 

 

 
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