Die kalte Angst
Deutschland bibbert. Minus zehn Grad Außentemperatur, Tendenz fallend. Kalt genug für eine Sondersendung nach den Nachrichten. Im Brennpunkt und spezial verbringe ich eine Nachtschicht auf einem Schneepflug und lerne den Fahrer eines Abschleppwagens kennen. Er hat jetzt viel zu tun, ebenso wie die Monteure vom Heizungsnotdienst. Bei dem Besuch in einem Krankenhaus erklärt ein Arzt, dass derzeit viele Menschen auf vereisten Wegen verunglückten. Später erfahre ich noch, wie ich mich bei diesem Wetter am besten kleide. Warm. Aber mit dem richtigen Material. Am besten mehrere Schichten übereinander und mit Mütze und Handschuhen. Ansonsten drohten Erfrierungen.
Die drohen auch Menschen, die auf der Straße leben. Sie sind von dem Problem defekter Thermen nicht betroffen. Dafür haben sie andere Sorgen. Zum Beispiel: Besitzen sie überhaupt genug Kleidung für mehrere Schichten? Das wird auch erwähnt, aber nur kurz, denn im Anschluss kommt die Familien-Serie, da will man niemandem die Stimmung verderben. Dafür meldet ein späterer Beitrag, dass die Natur ebenfalls unter der Kälte leidet und dass es wohl leider weniger Zecken in den Sommer schaffen würden. Deutschland bibbert – vor German Angst.
Schwarzmalerei und Panikmache, dieser angeblich charakteristische Hang der Deutschen wird im angelsächsischen Sprachraum auf die kurze Formel German Angst gebracht. Man mag ihr zustimmen. Zumindest angesichts der medialen Aufregung über die Tatsache, dass es in diesem Winter sehr kalt ist. Ist die Vermarktung der unschönen, teilweise dramatischen Folgen des kalten Wetters typisch deutsch? Und der Ausschluss derjenigen, die unter diesem Wetter wirklich leiden? Angst ist es jedenfalls nicht. Angst ist international, sie überschreitet Grenzen.
Angst ist ein Gefühl, das sich schwer eingrenzen lässt. Und sich mit schweren Fragen verbindet: Was wird mit mir passieren? Worauf kann ich mich verlassen? Was ist sicher? Was zählt? Was bleibt?
Angst gehört zum menschlichen Leben. Hoffnung aber auch – Gott sei Dank. Wer keine Hoffnung hat, erstickt. An seiner Angst, an seinen Sorgen. Hoffnung kann man sich nicht immer nur selbst zusprechen. Dazu braucht es oft ein Gegenüber. Jemand, der mir zuhört und dem ich zuhöre. Im christlichen Glauben trägt er den Namen Jesus Christus. Er sagt: In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden. Sein Zuspruch lässt aufhorchen. Den Blick wenden. Aufatmen. Man muss diesem Zuspruch nicht glauben. Ich tue es.
Ich lebe deshalb nicht ohne Angst, german oder nicht. Aber ich lebe mit Hoffnung. Darauf, dass etwas Gutes mit mir passieren wird, dass ich mich ganz sicher darauf verlassen kann. Diese Hoffnung bleibt. Und diese Hoffnung will gelebt werden, im Alltag. Muss nichts Besonderes sein. Vielleicht einfach nur: sich warm anziehen und getrost den Winter genießen.
Dr. Dorothee Arnold, Pastorin in Celle-Wietzenbruch

