Frühjahr 1944. Bomben auf Berlin, auch auf Brandenburg, wo wir wohnen. Nächte im Luftschutzkeller. Zwischen Hoffen und Bangen. Hoffen, der Krieg möge morgen zu Ende sein. Bangen – ein Ende ist nicht abzusehen. Und doch probt auch in diesen Zeiten der Chor, in dem meine Mutter singt, Teile aus Händels „Messias“. Zu den Proben nimmt sie mich mit wegen des ständigen Alarms. Ich lerne gerade erst lesen, kann bald aber die Texte und Melodien auswendig, denn diese Musik fasziniert mich. Und bei der Aufführung darf ich mitsingen - „Halleluja“; „nur bitte nicht so laut,“ sagt der Dirigent. „Messias“ - zwischen Hoffen und Bangen. Bangen: Viele Anhänger der beiden Religionen meinen, „Messias“ oder der „Verborgene Imam“ könnten lediglich die Personalisierung menschlich verständlicher Wünsche und Sehnsüchte sein. Hoffen: Nach christlichem Glauben ist der Messias, der Gesalbte, der „Christus“, in Jesus erschienen. Mit ihm hat das Reich des Friedens, der Gerechtigkeit, der Nächstenliebe begonnen. Und einst wird es vollendet.
| Bangen: Jesus sei eine Rolle zugewiesen worden, die er nie für sich beansprucht hat. Zwar habe er gezeigt, was Nächstenliebe heißt, aber das Reich der Gerechtigkeit und des Friedens müssten wir wohl schon selber schaffen. In Händels „Messias“ überwiegt die Freude daran, dass sich die vielen Verheißungen der hebräischen Bibel - und sie bestimmen im Wesentlichen den Text des „Messias“ – in Jesus erfüllt haben. Sein Name taucht zwar nur ein einziges Mal im „Messias“ auf, doch wird stillschweigend unterstellt, er sei stets mit den uralten Verheißungen gemeint. Händel war so gepackt von dieser Freude, dass er den „Messias“ in einem wahren Schaffensrausch in nur 23 Tagen komponiert hat. Und eine Woche vor seinem Tod im Jahre 1759 hat er – inzwischen erblindet - bei einer „Messias“- Aufführung noch selbst an der Orgel gesessen. Die Einnahmen aus dem Konzert kamen wie immer einer Stiftung für Waisenkinder zugute. „Messias“ zwischen Hoffen und Bangen. Zu hören ist das Werk in der englischen Ur-Fassung heute in St. Hedwig, Celle, und morgen in Bergen. Otmar Schulz, Theologe und Journalist, Papenhorst
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