Ostermorgen am See Genezareth: Zwischen Fülle und Nichts
Die ganze Nacht haben sie gefischt. Vergeblich, nichts gefangen! Umsonst ihre Mühe, frustrierend die Arbeit. Mit dem Morgen legen sich Erschöpfung und Müdigkeit auf ihre schweren Glieder. Lustlos ordnen die Jünger ihre Netze. Was bleibt ihnen übrig als auf die nächste Nacht hoffen.
Nichts daraus geworden! Nichts dabei herausgekommen! Nichts mehr davon zu erwarten! Wer kennt solche Enttäuschungen nicht? Vergeblich diesen Brief geschrieben. Umsonst meine Arbeit in das alte Auto hineingesteckt. Überflüssig diesen Weg gemacht! Ich bin frustriert, resigniert; kurz: Ich bin es müde.
Erfüllte Tage
Die vergebliche Mühe einer Nacht – das hätten die Jünger noch verkraftet. So etwas gehört dazu. Wenn da nicht die Erinnerung an erfüllte Tage wäre. Was hatten sie mit Jesus erlebt! Die Fischerei, ihre Boote, ihren Beruf, ihre Familie – alles ließen sie hinter sich, um ihm zu folgen. So sehr hatte er sie gefangen genommen.
Und dann machte er sie zu Menschenfischern. Was sie selbst erlebt hatten, das wollten sie anderen weitergeben. Dieser Zimmermannssohn aus Nazareth hatte sie gefesselt. Wo er war, da erlebten sie Fülle: Fülle des Weins bei der Hochzeit zu Kana, der für Hunderte von Gäste reichte. Die Fülle des Essens bei den Fünftausend. Alle wurden satt! Wenn dieser Jesus von Gott redete, war alles so einleuchtend. Ach, und wenn er Kranke berührte, wurde es besser mit ihnen.
Ein unvergessener Fang
Doch niemals würden sie ihren Anfang vergessen! Auch damals hatten sie die ganze Nacht über vergeblich gefischt. Mitten auf den See schickte er sie tags darauf hinaus, um nochmals die Netze auszuwerfen. Das konnte nur schief gehen, mitten am Tag! Also wieder nichts? Doch stattdessen das Gegenteil: Fast zerrissen ihre Netze. Unfassliche Fülle gegen jede Regel des Fischfangs!
Doch, auch heute noch sie kennt jeder, solche Momente der Erfüllung: Fülle des Lebens, die mich gefangen nimmt, begeistert, erhebt. Was für ein Tag voller Glück! Was für heiße Stunden der Liebe! Was für ein unvergesslicher Urlaub! Davon will ich mich gern einfangen lassen.
Verzweiflung
Doch plötzlich schlugen ihre erfüllten Tage in Verzweiflung um. Jesus war tot. Eben noch hatte ihn das Volk als König gefeiert. Doch schon am nächsten Tag wurde er gekreuzigt. Verbissen betrieben die Obersten seine Kreuzigung. – So überfiel seine Jünger von einem Tag auf den anderen das Nichts des Todes. Mit einem Schlage alles aus, wovon sie geträumt, worauf sie gebaut hatten.
Plötzlich standen sie wieder vor dem Nichts. Aber diesmal vor einem übermächtigen Nichts, das ihr ganzes Leben in Frage stellte. Angst, Verzweiflung und Sinnlosigkeit rissen sie hin und her. Was soll denn nun werden? Den alten Beruf hatten sie verlassen. Doch ohne diesen Jesus war ihr neuer Beruf nichts als Makulatur. Wie sollten sie ohne ihn Menschen gewinnen? Etwa mit ihrer Trauer, Angst und Trübsal? Ausgeschlossen!
Erschütternde Abgründe
So vor einem letzten Nichts stehen – das erschüttert bis heute Menschen: Ob Erdbeben wie in Haiti und Chile oder der Tsunami im indischen Ozean: Solche Katastrophen kosten mit einem Schlag Tausenden, ja Hunderttausenden das Leben. Der Terror fordert im Irak und in Afghanistan seinen Blutzoll. Im sexuellen Begehren tun Menschen Kindern Schlimmes an.
Aber auch andere Enttäuschungen gibt es. Beispielsweise eine große Frustration im Beruf: Gearbeitet habe ich und mich eingesetzt für das Projekt unserer Firma, gehofft und gebangt um seine Finanzierung – doch dann stehe ich unerwartet vor dem Aus. Die Leitung sieht darin keine Zukunft. Vergeblich alle Arbeit!
Ob aus meinen Plänen nichts wird, mein Einsatz für die Sache umsonst war oder eine Freundschaft scheitert, vielfach begegnet uns das Nichts. Ganz zu schweigen von den vielen kleineren Enttäuschungen – dem jähen Ende eines Glücks, dem Verlust meiner Gesundheit, dem Kriseln meiner Beziehung. Was dann?
Ein schwacher Trost
Petrus ist es, der sich als erster seine Verzweiflung überwindet: „Ich gehe wieder fischen! Zurück in meinen alten Beruf. Es doch weitergehen. Ich gehe an meine alte Arbeit. Unsere großen Träume? Aus ist damit und vorbei! Lasst uns einfach wieder da anfangen, wo wir aufgehört haben.“ Ihm folgen die anderen. Was bleibt ihnen auch sonst übrig?
Der Fremde am Ufer
Nach durchwachter Nacht steht ein Fremder am Ufer. Niemand kennt ihn. Erst später werden sich die Jünger daran erinnern, dass schon einmal einer dastand. Ähnliches hatten sie schon einmal erlebt!
Fast unwirklich kam er ihnen im Morgennebel vor, dieser Fremde am Ufer. Dennoch hörten sie auf ihn: „Werft das Netz aus zur Rechten des Bootes, so werdet ihr finden.“ Unmöglich diese Aufforderung, als wären rechts mehr Fische als links, wo sie die vergangene Nacht über gefischt hatten.
Osterfülle inmitten der Lebensleere
och dann ziehen sie die Netze ein: nicht fünf, nicht fünfzehn, nicht fünfzig Fische! Das alles wäre noch im Bereich des Normalen. Nein, sie fangen mehr: Einhundertdreiundfünfzig Fische – 153! Später haben sie genau nachgezählt. Eine solche Fülle hatten sie noch nie erlebt. – Doch halt, einer erinnert sich als erster: Johannes! Damals beim Fischzug des Petrus die gleiche Überfülle. Damals hatten sie zwar die Fische nicht gezählt. Aber auch damals zerrissen die Netze beinahe. Johannes erkennt den Fremden am Ufer am Überfluss: „Es ist der Herr!“
Schlagartig verwandelt sich ihr Leben. Eben noch bedrückt von dem Tod ihres Meisters und der Vergeblichkeit ihres Alltags verwandelt sich alles. Statt Müdigkeit und Enttäuschung sind sie voller Lachen und Freude. Er ist stärker als das Böse. Er ist stärker als der Tod. Er ist stärker als aller Mangel. Wo er ist, muss das Nichts weichen. So begann ihr Ostern!
Mein Ostern 2010
Jedes Erwachen des Frühlings aus den erstorbenen Resten des Winters erinnert uns von neuem daran: Das Leben ist stärker als der Tod. Das Gute ist mächtiger als das Böse. Jede Erfüllung größer als der Mangel und die Sehnsucht. Auch 2010! Doch wie kann es bei mir Ostern werden? Damals begann die Ostergeschichte mit einem Fremden und 153 Fischen nach einer durchwachten Nacht.
Ob Ostern für mich da beginnt, wo ich mich ernüchtert meinem Leben stelle? Eine Ernüchterung, dass aus meinen großen Träumen so nichts wird. Ob Ostern für mich da beginnt, wo ich mich meiner Depression stelle? Ich habe die Kraft nicht, das von mir Erwartete zu erfüllen! Ob Ostern für mich da beginnt, wo ich meiner Enttäuschung ins Auge sehe?
Ja, und was soll dann werden? – Abwarten, bis mir das Leben – vielleicht wieder auf unerwartete Weise entgegenkommt. Denn darin ist er, zuweilen befremdlich, zuweilen bekannt. Doch immer ist er derselbe, der unserem Mangel aufhilft und unsere Sehnsucht erfüllt. Solches vertrauensvolle Warten auf ihn und seine Gaben – das nennt die Bibel glauben!
Wort zum Ostersonntag in der Celleschen Zeitung
Pastor Dr. Georg Gremels, HermannsburgBIld: Karola Onken, in: "Ich bin ganz Ohr - Betrachtungen zum Thema Berufung zu Bildern von Karola Onken", Hg. Georg Gremels

