
Einen Tag hätte der Mann mit der verkrüppelten Hand auch noch warten können. Aber Nein! Ausgerechnet am Sabbat heilte Jesus diesen Außenseiter – und dann noch in der Synagoge, in aller Öffentlichkeit! Dabei wusste doch jedes Kind, dass die Hüter der Gesetze gerade dem Gebot der Sabbatruhe besondere Aufmerksamkeit schenkten.
Diese Geschichte ist nicht die einzige in den Evangelien, die sich auch als ein Plädoyer gegen menschliche Harmoniesüchte lesen lässt. Nur nicht auffallen! Immer politisch korrekt sein! Nicht anecken! So denken auch heute viele Zeitgenossen – und verhalten sich danach. Schon in der Bibel taucht ja mehr als einmal die Mahnung auf, man möge doch das Streiten lassen. Offenbar scheint die christliche Botschaft, die um Liebe, Vergebung und die Annahme des anderen zentriert ist, ein Problem mit dem Streit zu haben.
Ein Glaubensbekenntnis unter der Überschrift „Ruhe bitte!“ hat Jesu allerdings nie gesprochen. Er wandte sich nicht nur gegen die Intoleranz. Er sprengte auch die vermeintlichen Gewissheiten seiner Zeit. Und weil er seinen Glauben gerade nicht als Privatangelegenheit verstand, trat er mitunter „provokativ“ auf – will sagen, er „rief“ gezielt die Aufmerksamkeit seiner Mitmenschen „hervor“. Die Gesetze sind für den Menschen da und nicht der Mensch für die Gesetze: diese Wahrheit ist die Quintessenz aus der Wunderheilung am Sabbat. Für das Primat der Lebensdienlichkeit hat Jesus gestritten.
Wo Irrtum und Wahrheit aufeinander stoßen, so lese ich die Evangelien, dürfen wir uns nicht scheuen, den Streit zu suchen. Der Streit verträgt das Licht der Öffentlichkeit, wo auf Gewalt verzichtet wird und wo nicht Schmähung, sondern Verständigung das Ziel ist. Indem wir miteinander streiten und uns in unserer Unterschiedlichkeit zumuten, halten wir einander immerhin für wahrheitsfähig.
Wahr ist aber auch, dass wir in jedem Streit den Einspruch gegen uns selbst zulassen und uns nicht für die alleinigen Besitzer der Wahrheit halten sollten. Darum hält Jesus jedem Kritiker einen Spiegel vor und gibt ihm zu bedenken: „Was siehst du den Splitter, der im Auge deines Bruders ist, aber den Balken, der in deinem eigenen Auge ist, nimmst du nicht wahr?“ Welch eine Provokation Jesu!
Uwe Schmidt-Seffers, Pastor in Nienhagen