Prüfet alles, und das Gute behaltet

Bis kommenden Dienstag lassen sich Einwände erheben im Genehmigungsverfahren „Geflügelschlachtbetrieb in Wietze“. Zahlreiche Frauen und Männer haben ihr Bürgerrecht wahrgenommen und die zur Einsicht ausgelegten Akten studiert. Kenntnisreich haben sie Mängel in der geplanten Abwasserbehandlung, im Immissionsschutz und anderen wichtigen Fragen zutage gefördert. Auf diesen kritischen Blick sind wir angewiesen –auch die Politiker, die in Wietze und im Landkreis Verantwortung tragen.

Schließlich ist eine fast unübersehbare Fülle von Infomationen und Argumenten zu gewichten. Dass sich die politisch Verantwortlichen für die Schaffung von Arbeitsplätzen einsetzen und Landwirte sich neue Erwerbsmöglichkeiten erhoffen, sind wichtige und richtige Anliegen. Andererseits müssen auch die kritischen Stimmen gehört werden: In welchem Maße wird die Umwelt in der Region dauerhaft belastet? Begeben sich die Landwirte  in neue Abhängigkeiten, wenn sie in Mastställe investieren und sich an einen Schlachtbetrieb vertraglich binden? Wird wirklich die Anzahl an Arbeitsplätzen geschaffen, die man sich erhofft?

Das sind nur einige wenige Aspekte, die in eine genaue Kosten-Nutzen-Analyse einfließen müssen. Außerdem werden wir die Frage stellen müssen, was unser Verhalten für andere Länder in der Welt bedeutet. Unter welchen Bedingungen wird zum Beispiel das Futter für die Massentierhaltung hergestellt. Der Anbau von Sojabohnen, die an alle möglichen Tierarten verfüttert werden, hat vor allem in Südamerika zu dramatischen ökologischen Missständen geführt. Und in einigen Ländern Afrikas hat der Export von Fleischresten aus der Geflügelproduktion in der westlichen Welt die dortigen Märkte zerstört, weil diese Reste zu Dumpingpreisen verschleudert werden. 

„Prüfet alles, und das Gute behaltet!“ Dieser biblische Aufruf  umfasst die Folgen des eigenen Tuns und mahnt, sie vorausschauend abzuschätzen. „Prüfet alles!“ das ist auch für die gegenwärtige Diskussion über den Geflügelschlachtbetrieb unbedingt ernst zu nehmen. Das geht uns alle an. Schließlich sind wir als Bürgerinnen und Bürger zugleich Konsumenten, die mit dem eigenen Portemonnaie Politik machen, wenn auch nur im kleinen Stil.  Wer immer nur nach dem billigsten Fleisch greift und die preiswerteste Milch in den Einkaufswagen legt, trägt eine Mitverantwortung für Rahmenbedingungen, unter denen heute Lebensmittel produziert werden. Prüfung im biblischen Sinne heißt auch kritische Selbstprüfung.

Uwe Schmidt-Seffers, Pastor in Nienhagen