Pfingsten 2010
Tanzen
Wild tanzen die Kinder. Sie drehen sich im Kreis, die Haare und Röcke schwingen mit. Nackte Füße im Sand; sie achten nicht darauf, wohin sie treten. Die vier tanzenden Kinder halten sich an den Händen. Sie tanzen ausgelassen. Immer schneller drehen sie sich. Wenn sie sich nicht festhalten würden, könnten sie auseinander geschleudert werden. Mit ausdrucksstarkem Pinselstrich hat Emil Node diese Kinder vor gut hundert Jahren gemalt. Aber es ist ein zeitloses Bild. Es hält fest, wie gut es Menschen tut, sich selbst und alle Ordnung des Lebens einmal fallen zu lassen und sich im Rausch der Musik zu verlieren .
Pfingsten feiert die Kirche Geburtstag. Sie feiert in jedem Jahr, dass die Geschichte von Jesus Christus weiter erzählt wird, dass sich Gemeinden gründen und dass Lehrsätze gedrechselt werden, die beschreiben, was wir glauben. Sie feiert an Pfingsten aber auch, dass wir im Glauben heraustreten aus dem üblichen Trott. In der Sprache der frühen christlichen Gemeinden heißt es „Ekstase“.
Raus aus dem Trott
Das Heraustreten, die Ekstase, ist eine religiöse Grunderfahrung. Sie wird erlebt, indem man etwas vermindert, was sonst das Leben prägt, zum Beispiel in der Ruhe des Gebetes oder beim Fasten. Aber auch, indem man etwas hervorhebt, was es sonst in eher kleinen Portionen gibt, etwa Musik und Tanz.
Pfingsten erinnert daran, dass wir nicht alles in uns selbst haben. Wenn ein Handwerker nach seinen Geschäftsbüchern gefragt wird oder ein Politiker nach seinem Wahlkampfteam, dann heißt es: „Wir sind gut aufgestellt.“ Das ist gut für das Geschäft oder die Wahl. Wenn es um die Erfahrung des Glaubens geht, brauchen wir mehr. Es reicht nicht, gut aufgestellt zu sein. Den Glauben geben wir uns nicht selber. Wir erleben ihn, wenn wir aus bequemen aber ausgetretenen Schuhe heraustreten.
Das gilt auch für unsere Kirche. Wer sie als gut verwaltete Religionsmaschinerie versteht, die möglichst geräuschlos arbeiten soll, hat sich weit von Pfingsten entfernt. In den turbulenten Wochen nach Jesu Tod und Auferstehung sind die Leute Jesu plötzlich begeistert aufgebrochen. Sie haben Gemeinden gegründet, mit Freunden über ihren Glauben gesprochen und ihren Alltag nach Jesu Lehre umgekrempelt. Sie waren im besten Sinn des Wortes „außer sich,“ eben ekstatisch. Der Alltag ohne Gott blieb zurück und sie erwarteten alles von dem einen Augenblick, in dem sie Gottes Nähe erleben, miteinander teilen, gemeinsam beten feiern und singen.
Ökumene praktisch
In der vergangenen Woche war ich in München beim Ökumenischen Kirchentag. Menschen aus unterschiedlichen Kirchen sollten zusammen kommen. Wir waren bei Freunden untergebracht. Am Abendbrotstisch wurden die Meinungen ausgetauscht. Er: „Mal ehrlich, wenn die Kirchen es nicht mal hinkriegen, sich wirklich zusammenzutun, auch mit dem Abendmahl, ist doch die ganze Sache unglaubwürdig!“ Sie: „Ich finde es nicht schlecht, dass es so viele unterschiedliche Kirche gibt, das passt doch zur Vielfalt der Leute, die dazu gehören!“
Am nächsten Morgen sind wir mit der S-Bahn zum Messegelände gefahren. Dort waren dann die Berühmtheiten am Rednerpult: Frau Käßmann und Erzbischof Marx, Kanzlerin Merkel und Oppositionschef Steinmeier, dazu viele weniger Bekannte.
In einer Gesprächsrunde hörte ich einen alten Theologieprofessor, der tatsächlich sagte: „Wartet nicht bis wir Theologen und Kirchenführer uns geeinigt haben. Feiert die Einheit, feiert das Abendmahl gemeinsam. Nicht die Kirchen laden dazu ein, sondern Jesus Christus. Die Theologen können nachher beschreiben, was geschehen ist. In der Gemeinschaft der Kirchen geht es nur voran, wenn sich Leute von gewohnten Standpunkten verabschieden. Wer still steht kann nicht erwarten, dass andere sich bewegen.“
Etwa 1500 Leute klatschten Beifall und in meinem Kopf blühte die Phantasie auf: „Was für ein herrliches Durcheinander gäbe es, wenn sich plötzlich alle von ihren Lieblingsideen verabschieden!“ So wie Pfingsten, als die Jesusleute alle durcheinander sprachen und begeistert von Gott erzählten. Unbeteiligte Zuschauer spotteten: „Sie sind voll von süßem Wein!“ Zuschauen ist langweilig. Begeisterung reißt nur die mit, die sich auf etwas einlassen.
Kinder beim Geburtstag einer „alten Dame“
In den letzten Wochen habe ich Gespräche mit drei Menschen gehabt, die aus unterschiedlichen Gründen wieder in die Kirche eingetreten sind. Es ging in immer neuer Form um die Grundfrage: „Ist der Glaube nur etwas für mich selbst, oder für mein Leben mit anderen?“ Ich habe betont, dass die Begeisterung für Gott, die Stille des Gebetes und der Schwung geistlicher Musik in einer Gemeinschaft besonders tief erlebt werden. Pfingsten ist ein Fest der Kirche.
Es ist der Geburtstag einer alten Dame, die Falten und Narben hat. Sie könnte etwas Schminke brauchen. Aber vielleicht hilft das auch nicht mehr. Dünner ist sie geworden mit den Jahren. Sie hat viel erlebt, aber ihre Augen strahlen wie eh und je. Geburtstagsfeiern sind selten perfekt. Die Jahre sind nicht spurlos vorübergegangen und manche eingeladenen Gäste finde ich unsympathisch. Dennoch: alleine feiern ist langweilig. Nur die Gemeinschaft der Glaubenden bringt mich in Bewegung.
Im Schwung des wilden Tanzes vergessen die Kinder sich selbst und ihren Alltag. Das können Kinder besonders gut. Vielleicht sagt Jesus uns Erwachsenen deshalb: „Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.“
Volkmar Latossek
Stadtkirche St. Marien / Celle
Bild: Wildtanzende Kinder (1909) von Emil Nolde

