Anlass war ein runder Geburtstag, aber es klang nach Erntedank: „Man hat doch alles! Was sollte ich mir wünschen? Stattdessen haben wir die Kinder und Enkel eingeladen auf eine Woche in Dänemark – das war mein Geburtstagsgeschenk.“ Erntedank in guten Zeiten: Gott sei Dank, wir haben alles. Aber Haben ist nicht alles. Haben mit Kontakt – das ist es.
Nur, wenn es am Nötigsten fehlt? Die Bibel ist da ehrlich: Fluchen und Unzufriedenheit, als sich das Volk Israel durch die Wüste quälte und kein Ende in Sicht war. Doch unverhofft in all dem Elend „Erntedank“ – Sie wissen schon, die Sache mit dem Manna (2. Mose 16): Plötzlich lag es überall herum im Wüstensand. „Manna“? „Man hu?“ sollen die Israeliten ein um das andere Mal ausgerufen haben, als es endlich wieder etwas zum Sattessen gab: „Was ist das denn?“ Ist das nicht auch Erntedank, wenn das Nötigste nicht achtlos für selbstverständlich genommen wird? Gewiss, wer den Hunger kennt, hat es leichter mit dem Staunen: „Man hu?“ Weiß wie Koriandersamen habe es ausgesehen, geschmacklich wie Honigbrötchen. Was ist das, was wir da essen? Wo kommt es her? Warum gerade für uns? Und: Wie geht man damit um? Typische Fragen für Erntedank.
Zwei Antworten und eine Erfahrung bietet der Fortgang der Geschichte. Als erste die Antwort des Glaubens auf die Frage nach dem Sinn, denn die steckt in jedem menschlichen Hunger: „Es ist das Brot, das der Herr euch gegeben hat“, sprach Mose. Haben mit Kontakt: Deshalb innehalten mit einem „danke, Gott“ anstatt dauernd auf Schnäppchenjagd - hinter der Ware Gott sehen, der uns das Leben gönnt. Die zweite Antwort, eher praktisch, zielt auf den Umgang mit den Lebensmitteln – gehört dazu nicht auch das Geld? – in einer menschenwürdigen Welt: „Ein jeder sammle, soviel er zum Essen braucht.“ Tatsächlich, Mose stellte fest: „Als man’s nachmaß, hatte der nicht darüber, der viel gesammelt hatte, und der nicht darunter, der wenig gesammelt hatte – jeder hatte gesammelt, was er zum Essen brauchte.“ Leider schon damals bald die Erfahrung: Kaum satt geworden, konnten sie den Hals nicht voll bekommen. Es musste immer noch mehr sein. Raff statt Dank! Wenn da nur noch die Sachen sind, ohne den lebendigen Kontakt, dann werden die Grenzen fließend – wann hat man schon genug? Ergebnis: „Da wurde es voller Würmer und stinkend.“
„Unser tägliches Brot gib uns heute“: Nicht gerade langfristig gedacht. Dafür der Kontakt umso größer geschrieben. Denn ohne Kontakt zu dem, der unser Leben trägt, fängt es uns und den anderen bald an zu stinken, sagt die Bibel. Dann regiert der Raff im Großen wie im Kleinen. Mag auch die Rente sicher sein, unsere Zufriedenheit ist es nie. An der Bitte „unser täglich Brot gib uns heute“ und an „komm, Herr, segne uns“ kommt keiner vorbei; so gut sorgt keiner vor. Der Kontakt macht’s, nicht das Haben allein. Deshalb kommt es auf den Erntedank im Alltag an, wenn die Seele nicht aus dem Tritt kommen soll. Und morgen, wenn dann wieder richtiges Erntedankfest ist, vielleicht mit Posaunen und in geschmückter Kirche: Ist das nicht ein „Danke“ mit allen Sinnen? Da spürt man Lebensqualität, die froh macht.
Michael Wohlgemuth, Pastor in Klein Hehlen