Leicht und gelassen

Es ist noch ziemlich kühl, als wir – vorbei an dem schönen Backsteingiebel – vor der Pforte des Klosters Wienhausen stehen. Äbtissin Renate von Randow lässt uns ein und führt uns in die kleine Kapelle, in der acht der Konventualinnen warten. Hier treffen sich die Bewohnerinnen des Klosters zur täglichen Andacht vor dem Altar mit dem Wienhäuser Christus.

Jede der Klosterdamen hat – so scheint es – ein besonderes Verhältnis zu dieser Christusfigur. Jedenfalls können sie eigentlich alle Geschichten und Beobachtungen beisteuern, als wir danach fragen.

Und ich habe den Eindruck: Dieser Christus lächelt mich an. Er lächelt mich an, wie er schon vor 700 Jahren die Nonnen in Wienhausen angelächelt hat. Doch je länger ich ihn betrachte, desto mehr merke ich: Sein Blick bleibt nicht bei mir stehen. Er geht durch mich hindurch in weite Ferne, in eine andere Wirklichkeit. Es ist, als würde mich diese Darstellung des Auferstandenen aus dem Kloster Wienhausen in die Zukunft Gottes mitnehmen.

Dieses Andachtsbild mit dem Auferstandenen war nicht immer in Wienhausen. Es war die resolute Äbtissin Luise Friedrichs, die dafür sorgte, dass die Christusfigur nach fast 100 Jahren zurückkehren konnte. Auch wenn man im Landesmuseum Hannover versuchte, die Rückführung der Leihgabe mit allerlei Tricks zu verhindern. Das alte Andachtsbild kehrte also am 12. Juni 1957 zurück nach Wienhausen an seinen ursprünglichen Ort. Und ich finde: Hier ist die Christusfigur wirklich besser aufgehoben als in jedem Museum.

Wir betrachten die Figur, deren freundliches Gesicht von einem goldenen Nimbus umgeben ist: Symbol des göttlichen Glanzes. Die rechte Hand segnend erhoben, die drei nach oben gestreckten Finger stehen für den dreieinigen Gott (Vater, Sohn und Heiliger Geist), die beiden nach innen gekrümmten Finger könnten auf die göttliche und die menschliche Natur Christi verweisen. In der linken Hand hielt er einst die Fahne: Zeichen des Sieges über den Tod.

Eine der Konventualinnen macht uns darauf aufmerksam: „Der Auferstandene ist eigentlich ein Auferstehender. Denn der Wienhäuser Christus steht noch mit einem Fuß im Grabe.“ Wohlgemerkt: Er steht nicht schon mit einem Fuß im Grabe, wie wir das manchmal von uns sagen, sondern noch! Die Nägelmale an den Händen und Füßen, die Wunde an der Seite sind als Zeichen des Todes deutlich zu erkennen. Aber der Auferstehende hat den Tod, das Grab, den Sarg bereits hinter sich. Dieser Moment ist hier festgehalten. Darum sitzt und steht er nicht, sondern er geht. Er macht den ersten Schritt aus dem Grab auf dem Weg in die Zukunft Gottes. Und da halten ihn auch die wachenden Soldaten nicht auf, die – wie es die biblische Überlieferung sagt – eingeschlafen sind.

Dieses Kunstwerk – vermutlich entstanden in einer Lüneburger Werkstatt vor über 700 Jahren –  setzt die Auferstehung eindrucksvoll ins Bild.  

Die Konventualinnen berichten uns, wie fasziniert die Besucher des Klosters sind, die sich bei den zahlreichen Führungen von dem Auferstehenden in seinen Bann ziehen lassen: „Viele sehen in dem Lächeln und der Ruhe gebietenden Haltung der Figur eine gewisse Ähnlichkeit mit Buddha-Darstellungen aus dem asiatischen Raum,“ meint eine der Konventualinnen.

Eine andere weist auf das jugendliche Gesicht, das uns entgegenlächelt und fügt hinzu: „Ich kann mir gut vorstellen, dass die jungen Nonnen gern vor diesem Christus gebetet haben“.

Und noch heute ist es so, dass viele Klosterbesucher sich anstecken lassen von der freundlichen Gelassenheit des Wienhäuser Christus. Sie gehen aus dem Kloster freundlicher und gelassener hinaus als sie hereingekommen sind. „Unser Wienhäuser Christus strahlt etwas aus von jener österlichen Leichtigkeit und Gelassenheit, die uns nur der christliche Auferstehungsglaube schenken kann“, bringt es eine der Konventualinnen auf den Punkt.

Offensichtlich weckt die Christusfigur in den Betrachtern eine Ahnung davon, dass Auferstehung etwas mit ihrem Leben, ihrem Alltag zu tun hat. Davon spricht auch die Dichterin Marie Luise Kaschnitz in einem Gedicht mit dem Titel „Auferstehung“:

Manchmal stehen wir auf
Stehen wir zur Auferstehung auf
Mitten am Tage
Mit unserem lebendigen Haar
Mit unserer atmenden Haut.
Nur das Gewohnte ist um uns.
Keine Fata Morgana von Palmen
Mit weidenden Löwen
Und sanften Wölfen.
Die Weckuhren hören nicht auf zu ticken
Ihre Leuchtzeiger löschen nicht aus.
Und dennoch leicht
Und dennoch unverwundbar
Geordnet in geheimnisvolle Ordnung
Vorweggenommen in ein Haus aus Licht.

Für dieses Gedicht ist die Auferstehung keine Illusion, keine Fata Morgana. Sie bleibt nicht dem Sankt Nimmerleinstag vorbehalten, wie Kritiker dem christlichen Glauben oft zynisch unterstellen. Nein, Auferstehung wird Gegenwart, da wo uns die Freude am Leben neu eröffnet wird.

Dabei bleibt der Alltag nicht ausgespart. Das Gewohnte ist um uns. Die Wecker ticken, Endlichkeit bleibt auferlegt. Und doch hat sich alles verändert: Mitten am Tage, im Dunkel des überall gegenwärtigen Todes, wird ein Haus aus Licht bezogen, im Vorgriff auf den Glanz göttlicher Bleibe.

Die Ostergeschichten aus der Bibel, die Osterlieder aus dem Gesangbuch und auch der Wienhäuser Christus vermögen etwas von diesem göttlichen Glanz in unser Leben zu bringen. Dort, wo der Tod mitten im Leben handgreiflich geworden ist, kann es hell werden. Ich will jedenfalls gern an diese  unerhörte Möglichkeit der Auferstehung mitten am Tage glauben. Obwohl es auch mir gelegentlich als Zumutung erscheint.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie sich durch die Ostergottesdienste, die Lieder oder den Wienhäuser Christus hineinnehmen lassen in die österliche Leichtigkeit und Gelassenheit, die der Glaube an die Auferstehung zu schenken vermag.

Frohe Ostern!

Dr. Hans-Georg Sundermann, Superintendent